Wladimir Sergejewitsch Solowjow

Wladimir Sergejewitsch Solowjow (auch Solowjew, Solov'ev, Ssolovjeff, Solovioff, Solovjew, Ssolowjew, Soloviev, Solowjoff, russisch Владимир Сергеевич Соловьёв, wiss. Transliteration Vladimir Sergeevič Solov'ëv; * 16. Januarjul. / 28. Januar 1853greg. in Moskau; † 31. Julijul. / 13. August 1900greg. in Uskoje bei Moskau) war ein russischer Religionsphilosoph und Dichter.

Wladimir Solowjow wurde in eine gebildete Familie geboren.[1] Sein Vater, der Historiker Sergei Solowjow, war Professor für russische Geschichte an der Moskauer Universität, sein Großvater orthodoxer Priester. Wladimir wuchs in der Tradition der orthodoxen Frömmigkeit auf. Von 1864 bis 1869 besuchte er das Fünfte Moskauer Gymnasium. In diesen Jahren (etwa ab 1866) wurde er unter dem Einfluss von Ludwig Büchner und Jakob Moleschott zum Materialisten und Atheisten. Von 1869 bis 1873 studierte Solowjow an der Moskauer Universität zunächst an der Naturwissenschaftlichen Fakultät, später an der Historisch-Philologischen. In der Philosophie beschäftigte er sich vor allem mit Spinoza, Arthur Schopenhauer und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und fand über diesen Weg wieder zum Glauben zurück. 1874 wurde er mit einer Arbeit über die Krise der westlichen Philosophie promoviert, die er als Widerlegung der Positivisten anlegte.[2]

Seit 1872 nahm sich Solowjow der Aufgabe an, den Glauben der Väter philosophisch zu rechtfertigen.[1] Er vertrat eine „positive christliche Philosophie“ und entwickelte eine vom europäischen Denken und vom orthodoxen Glauben beeinflusste Philosophie der All-Einheit. Diese den Kosmos umfassende All-Einheit, so Solowjow, gründet in der Schöpfung. Sie ist trotz des Sündenfalls in der göttlichen Weisheit gewahrt und im individuellen und sozialen Leben wirksam. Das Ziel der Entwicklung der Welt ist die Wiedergewinnung der All-Einheit mit dem Schöpfer.[1]

Im Januar 1875 hielt er an der Moskauer Universität die Antrittsvorlesung „Metaphysik und positive Wissenschaft“. 1875 und 1876 führten ihn seine ersten Auslandsreisen nach London, Kairo, Neapel, Sorrent und Paris. 1880 habilitierte er sich an der Universität St. Petersburg mit einer Arbeit über die Kritik abstrakter Prinzipien. In seiner Antrittsvorlesung ging es um die „historischen Taten der Philosophie“. Am 1. Februarjul. / 13. Februar 1881greg. sprach Solowjow bei der Beerdigung Dostojewskis, zu dessen Familie er seit 1878 engere Beziehungen unterhielt. Bis Februar 1882 hielt er Vorlesungen an der Universität St. Petersburg. Er verabschiedete sich mit einer Vorlesung über den „Lebenssinn des Christentums“ und wurde 1882 freier Schriftsteller.[3]

Solowjows Geschichtsphilosophie ist bestimmt vom Leitbild einer „freien Theokratie“, die verwirklicht wird, indem sich die Menschheit dem göttlichen Willen unterstellt, dabei geleitet von der Kirche. Ihm wurde jedoch im Laufe der Jahre immer mehr deutlicher, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche durch die enge Bindung an den Zarismus im russischen Staat nicht in der Lage war, ihre prophetische Mission zu erfüllen. Spätestens nach dem Jahr 1881, dem Jahr der Ermordung des Zaren Alexanders II., wandte er sich allmählich der Römisch-Katholischen Kirche zu. In ihr sah Solowjow die moralische Kraft, die die christlichen Prinzipien klarer vertrat als Orthodoxie und Protestantismus.[4] Solowjow wollte ein Ende des Schismas. Er forderte die Russisch-Orthodoxe Kirche dazu auf, auf das Papsttum zuzugehen, und ging sogar so weit, den Zaren aufzufordern, sich dem Papst zu unterwerfen. Allerdings verstand er sich selbst nicht als Konvertit, sondern er wollte sich nur „so eng an Rom anschließen, wie sein Gewissen es ihm erlaubte“. Solowjow wollte gleichzeitig Mitglied der Russisch-Orthodoxen und der Römisch-katholischen Kirche sein. Einen formellen Übertritt zur Römisch-katholischen Kirche vollzog er nicht.

In den Folgejahren erkannte Solowjow, dass sich seine Sehnsucht nach einer wiedervereinigten Kirche nicht verwirklichen ließ. Seine Ansichten wurden daraufhin immer düsterer. Er wandte sich von einer evolutionären Eschatologie ab und einer apokalyptischen Eschatologie zu.[4] Er sah die Menschheitsgeschichte an einem Scheideweg zwischen Gott und dem Abgrund. Angesichts dessen verfasste er eine theologisch und philosophisch begründete Rechtfertigung des Guten, so der Titel seines Hauptwerkes zur Ethik.[4] In der Nachfolge Jesu sei der Mensch frei, sich unter das göttliche Gericht zu stellen und sich für Gott und die Wahrheit zu entscheiden. Was das im Alltag bedeuten kann, legte Solowjow in seiner Publizistik auch anhand von Tagesfragen dar.

Sein letztes Werk ist gleichzeitig das bekannteste: Die Kurze Erzählung vom Antichrist. Darin wird in Form einer Prophetie geschildert, wie ein vermeintlicher Wohltäter zur Weltherrschaft gelangt mit Hilfe der Freimaurerei und eines Comité permanent universel, das in antisemitischer Lesart als Anspielung auf die Alliance Israélite Universelle, eine international tätige jüdische Kulturorganisation, verstanden werden kann.[5] Solowjow selbst war jedoch kein Antisemit und setzte sich für ein gerechtes Zusammenleben mit den Juden ein.[6]

Im Januar 1900 wurde er Ehrenmitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg.[7]

Solowjow starb im Alter von 47 Jahren.

In einer 2003 auf dem Kongress „Wladimir Solowjow, Russland und die Universalkirche“ vom ukrainischen Großerzbischof Ljubomyr Husar in Lwiw verlesenen Papstbotschaft bezeichnete Johannes Paul II. Solowjow als einen der größten russischen Philosophen des 19. Jahrhunderts und Pionier und Vorbild für den Dialog der Christen in Ost und West.

Wladimir Sergejewitsch Solowjow (Photographie von Constantin Shapiro)
Wladimir Sergejewitsch Solowjow (Gemälde von Ivan Kramskoi 1885)