Radulfus Ardens

Radulfus Ardens (franz. Raoul Ardent; † um 1200) war ein scholastischer Theologe, der in 2. Generation vor allem durch Gilbert von Poitiers beeinflusst ist. Sein Hauptwerk, das Speculum universale, ist die umfangreichste und eigenständigste Tugendethik des 12. Jahrhunderts.

Als Autor des Speculum universale wird in der ältesten Handschrift „Magister Radulfus“ genannt. Der Beiname „Ardens“ taucht erst in den Handschriften aus dem späten 14. und aus dem 15. Jahrhundert auf und wird gewöhnlich auf die leidenschaftliche Art seiner Predigt zurückgeführt. Über seine Person und sein Leben ist – wie bei vielen Autoren des Mittelalters – kaum Sicheres bekannt. Jedenfalls lässt sich die in der Literatur und in Lexika immer wieder auftauchende Auskunft, er stamme gebürtig aus Beaulieu-sous-Bressuire in der Nähe von Poitiers, ebenso wenig als sicher erweisen, wie die Angaben, dass er Kaplan König Richards I. Löwenherz, Archidiakon in Poitiers und schließlich auch Magister in Paris gewesen sei. All dies ist möglich, kann aber bei kritischer Überprüfung aus den Quellen nicht eindeutig und sicher belegt werden.[1] Unklar ist auch das Todesdatum. In einer Handschrift ist der 12. September angegeben, ob das Todesjahr aber auf 1200 datiert werden kann, ist umstritten.[2][3] Dagegen lässt sich aufgrund charakteristischer Lehrmeinungen aus mehreren Stellen des Speculum universale (z. B. Buch VII und VIII) entnehmen, dass Radulfus Ardens – wie auch Nikolaus von Amiens, Alanus von Lille, Simon von Tournai u. a. – durch das Denken Gilberts von Poitiers beeinflusst ist.[4]

Auffällig ist, dass Radulfus in die Grundstruktur der Tugendlehre alle wichtigen Themen der dogmatischen Glaubenslehre einordnet: Die Erbsündenlehre in Buch I, Soteriologie und Gnadenlehre in Buch II, Dämonologie und Angelologie in Buch III und IV, Gottes- und Trinitätslehre in Buch VII, Christologie, Sakramentenlehre und Eschatologie in Buch VIII. So entsteht eine theologische Gesamtdarstellung des christlichen Glaubens, die aber im Unterschied zu den heilsgeschichtlichen Summen dieser Zeit nicht an der Darstellung der Glaubensinhalte, sondern an der Systematik der Ethik und Tugendlehre orientiert ist. Radulfus Ardens konzipiert damit die Theologie primär als praktische und weniger als theoretische Wissenschaft. Es geht für ihn nicht primär um spekulative Entfaltung der Glaubensinhalte; vielmehr werden die Inhalte des Glaubens von vornherein in ihrer Hinordnung auf das ethische Handeln des Menschen und in ihrer Bedeutung für diese Praxis verstanden.[6]

Neuartig in der Allgemeinen Tugendlehre des Radulfus Ardens ist die eingehende Analyse des Prozesses, wie Tugenden und Laster zustande kommen. Ausgehend von den Gedanken wird ihre zunehmende affektive Besetzung herausgearbeitet, die sich schließlich mit der Zustimmung (consensus) zum Willen verdichtet. Dem inneren Willen folgen die äußeren Taten und diese können sich schließlich durch die Gewohnheit zu Tugenden und Lastern entwickeln. Radulfus Ardens thematisiert dabei auch die äußeren Bedingungen, die die Entstehung von Tugenden und Lastern fördern können, wie etwa die persönliche Veranlagung des Charakters, die Einflüsse des Lebensumfelds und der Erziehung, soziale Beziehungen und wirtschaftliches Wohlergehen oder Notlagen etc.

Radulfus Ardens ist der erste, der – im Unterschied zu den im 12. Jahrhundert vorhergehenden tugendethischen Sammlungen und Traktaten – für die Aufgliederung der Tugenden und Laster nicht einfach die Schemata des Macrobius oder Cicero übernimmt, sondern ihre Einteilung auf der Grundlage einer höchst differenzierten Seelenlehre aus den verschiedenen Kräften und Vermögen der Seele herleitet. Er übernimmt also nicht einfach von der antiken Philosophie her vorgegebene Gliederungen der Tugenden und Untertugenden, sondern fragt nach dem Grund, aus dem sich die verschiedenen Tugenden und ihre Aufgliederung ergeben. Damit geht es Radulfus Ardens darum, die Vollständigkeit der genannten Einzeltugenden zu begründen. Zugleich findet er, indem er sich an den verschiedenen Kräften und Vermögen der Seele orientiert, zu einer neuen, völlig eigenständigen und einzigartigen Aufgliederung der Tugenden, für die das Schema der Kardinaltugenden ebenso wie die Zusammengehörigkeit der drei theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe nur noch untergeordnete Bedeutung hat.[7] Der Einfluss guter oder schlechter Vorbilder fließt ebenso ein wie eine ausführliche Engel- und Dämonenlehre, die viele psychologische Beobachtungen zur Sprache bringt.

Als charakteristisch für die Tugendlehre des Speculum universale kann auch die Lehre des Radulfus Ardens von den „virtutes collaterales“, den Komplementärtugenden, angesehen werden, die in der systematischen Durchführung, wie sie sich im Speculum universale findet, in der Theologiegeschichte einzigartig ist. Ausgehend von der Definition der Tugend als Mitte zwischen zwei Lastern, besteht der Gedanke der Komplementärtugenden darin, dass in der Mitte nicht nur eine Tugend steht, sondern jeweils zwei Tugenden gemeinsam die Mitte bilden. Das Wesen der Komplementärtugenden besteht darin, dass sie sich gegenseitig mäßigen und davor bewahren, in eines der Extreme des Zuviel oder Zuwenig abzugleiten und so zu einem Laster zu werden. So mäßigt z. B. die Aufrichtigkeit (simplicitas) die Klugheit (prudentia) und bewahrt sie davor, zu listiger Schlauheit und Verschlagenheit (versutia) zu werden. Und umgekehrt mäßigt die prudentia die simplicitas und bewahrt sie davor, zur Dummheit (stultitia) zu werden. Der Gedanke der Komplementärtugenden findet sich bei Radulfus Ardens aber nicht nur zufällig und vereinzelt, sondern durchgängig und prägt die gesamte Systematik der Tugendlehre.[8]

Außer dem Speculum universale werden Radulfus Ardens auch 202 Predigten – unterteilt in drei liturgische Zyklen – zugeschrieben. Es handelt sich um die umfassendste, nicht von Mönchen verfasste Sammlung von Modellpredigten aus dieser Zeit. Zwar sind alle noch existierenden Manuskripte entweder anonym oder fälschlicherweise einem Ralph Acton oder Atton, einem englischen Kleriker oder Prediger des 14. Jahrhunderts, zugewiesen. Der Prolog nennt jedoch darüber hinaus einen Radulfus als Autor. Dass es sich dabei tatsächlich um Radulfus Ardens handelt, lässt sich nicht nur an konzeptionellen Ähnlichkeiten beider Werke feststellen, es lassen sich darüber hinaus auch wörtliche Zitate im Speculum universale aus den Predigten (oder vice versa) aus der Feder des Radulfus identifizieren. Darüber hinaus muss Radulfus Ardens auch eine Reihe von Briefen (liber epistolarum) geschrieben haben, die aber bisher noch nicht aufgefunden wurden. Dagegen ist die Historia sui temporis, belli Godefridi de Bouillon in Saracenos – offensichtlich eine Geschichte des ersten Kreuzzugs – entgegen früheren Angaben nicht authentisch.[9]