Queer

Das Adjektiv queer ['kwɪə(ɹ)] ist eine anglizistische Sammelbezeichnung für Personen, Handlungen oder Dinge, die durch den Ausdruck ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität eine Abgrenzung zur gesellschaftlichen Cisgender-Heteronormativität bewirken. Früher wurde queer im Sinne von „sonderbar, eigenartig, suspekt“ verwendet, um Homosexuelle abzuwerten. Seit Mitte der 1990er-Jahre wird queer als ins Positive gewendete Selbstbezeichnung vor allem nicht-heterosexueller Menschen gebraucht.

Im Gegensatz zu anderen Begriffen aus der Familie der sexuellen Orientierungen (wie schwul, lesbisch, bi- oder asexuell) und geschlechtlichen Identitäten (wie trans oder intergeschlechtlich) gibt es für den Ausdruck queer keine einheitliche Definition; er unterliegt in seiner Verwendung Aneignungs- und Interpretationspraktiken, sodass eine genaue Definition der Bezeichnung auch Gegenstand von Diskussionen ist. Die theoretische Auseinandersetzung mit Geschlechtsidentitäten und sexuellen Orientierungen leistet die Queer-Theorie.

Das englische Wort queer stammt laut dem Oxford English Dictionary ab vom deutschen Wort quer, das letztlich auf die urindogermanische Verbwurzel *terkʷ- „drehen“ zurückgeht. Damit verwandt ist auch das lateinische Verb torquere „drehen, verdrehen“.[p: 1]

Die Bezeichnung queer wurde in den USA – wie das Wort „schwul“ im Deutschen – ursprünglich als Schimpfwort gebraucht, mit dem vornehmlich Homosexuelle bedacht wurden, aber auch andere Personen, die in geschlechtlicher oder sexueller Hinsicht von den heteronormativen Regeln abweichen. Hier war queer in der Bedeutung „gefälscht, sonderbar, eigenartig, fragwürdig, suspekt, verrückt“ Teil der Schwulenfeindlichkeit.[p: 1][c: 1] Im Deutschen lässt sich queer in seiner Funktion als Schimpfwort mit „pervers“ oder „schwul“ wiedergeben.[p: 1]

In den frühen 1950er-Jahren verfasste William S. Burroughs einen autobiografisch orientierten Roman mit dem Titel Queer, der aber erst 1985 veröffentlicht wurde.[1]

Entgegen der schimpfwörtlichen Verwendung in der Alltagssprache wurde der Ausdruck queer in den USA zunächst vereinzelt als positive Eigenbezeichnung verwendet.[c: 1] Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre gelang es den damit Bezeichneten innerhalb ihrer Community, das Wort im öffentlichen Diskurs einer Neubewertung zu unterziehen (englisch reclaiming) und zu einem positiv besetzten Trotzwort (Geusenwort) umzuformen.[p: 1][c: 1] Als Urheber des bekräftigenden reclaiming gelten schwarze Menschen und People of Colour an den sozialen Rändern US-amerikanischer Großstädte, die allerdings namentlich nicht bekannt sind.[c: 1]

Auf dieser Grundlage entwickelte sich queer zu einer Sammelbezeichnung mit politischer und wissenschaftlicher Bedeutung, die sich auf politischen Aktivismus und verschiedene Denkrichtungen und Theorien bezieht. Die Bezeichnung für die wissenschaftliche Disziplin der Queer-Theorie (queer theory) stammt von Teresa de Lauretis und wurde 1991 als eine Möglichkeit eingeführt, „identitätspolitische Einschränkungen zu überwinden, wie sie auch mit den Termini lesbisch und schwul einhergehen“. Im deutschsprachigen Raum wurden Queer-Theorien vor allem über Judith Butler rezipiert, die davor warnte, queer als eine fest konturierte Identitätskategorie zu verstehen.[p: 1] Den Ausdruck queer versteht die Philosophin Gudrun Perko 2005 als eine politische und gesellschaftliche Bewegung „im Sinne eines offenen Projekts, das die angeblich natürliche Ordnung der Dinge in Frage stellt“[p: 2] – sowohl in den Bereichen der Sexualität als auch in Debatten wie Multikulturalismus, Interkulturalität, postkolonialer Kritik, Menschenrechte und Demokratie, Queers-of-Color und weiteren.

Im Deutschen stellt queer nicht im gleichen Maße eine Verbindung zu Sexualität her wie in den USA. Queer kann als positiver Begriff nicht einfach ins Deutsche übersetzt werden. Perko schlägt 2005 vor, am ehesten die Übersetzung „seltsam“ zu verwenden, um „ein Gegen-die-Norm-Sein“ zum Ausdruck zu bringen.[p: 1]

Heute kann queer gemäß dem Verständnis von Perko als ein Oberbegriff verstanden werden, der sich je nach Selbstverständnis auf Unterschiedliches beziehen kann: in sexueller Hinsicht auf Schwule, Lesben, Bisexuelle, Pansexuelle, Asexuelle oder in geschlechtlicher Hinsicht auf genderqueere, nichtbinäre, binäre oder nichtbinäre transgender oder auf intergeschlechtliche Personen. Auch weitere Identitäten können unter queer subsumiert werden. Die Zugehörigkeit von Polyamorie, Beziehungsanarchie und BDSM ist umstritten. Der Begriff umfasst damit das gesamte Spektrum derer, die nicht heteronormativen Vorstellungen von Sexualität oder von binärem Geschlecht (männlich/weiblich) entsprechen. Es handelt sich um einen offen gefassten Begriff, welcher vielfältige Identifikationsmöglichkeiten bietet.[2] Verbindend wirkt dabei die Vorstellung, dass die gesellschaftlich vorherrschende Heteronormativität hinterfragt und aufgelöst und es Menschen ermöglicht werden solle, ihr Leben mit vielfältigen Formen von sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten frei von Normen zu leben.[3]

Für den deutschsprachigen Raum unterscheidet Perko (2005) drei gängige Definitionen des Begriffs queer, die sich dahingehend unterscheiden, welche Lebensweisen und Personengruppen darunter jeweils subsumiert werden.[p: 3] Die drei Varianten überschneiden sich zwar in ihrer Kritik an Heteronormativität, Heterosexismus und anderem, doch bezüglich der Definition eines gruppenbezogenen „Wir-Gefühls“ wählen sie unterschiedliche Ansätze.

Die Bezeichnung queer enthält ein politisches Potential, da queer die eigene Offenheit betont und Identitäten nicht scharf voneinander abgrenzt, sondern sie auflöst.[p: 3][4] Allerdings bleibt die Bezeichnung queer bis heute kontrovers. Nicht alle Lesben und Schwule wollen sich selbst als queer bezeichnen. Auch Intersexuelle äußern teilweise Vorbehalte gegenüber einer Einordnung in den Oberbegriff queer, da sie ungeachtet einer solchen Zuordnung eine Anerkennung ihrer Existenz einfordern.[p: 3] Die Abgrenzungsfrage, wer sich durch die Bezeichnung queer angesprochen fühlen darf, wird weiterhin intensiv diskutiert.[c: 2] Manche Personen bevorzugen die als eindeutiger empfundenen Selbstbezeichnungen wie schwul, lesbisch, bisexuell oder transgender, da sie befürchten, dass ihre Gruppe durch die Extension von queer an Sichtbarkeit verliert. Andere stimmen mit der politischen Konnotation der Bezeichnung queer nicht überein. Andere wiederum erhoffen sich durch die Verwendung des Terminus queer erhöhte Chancen auf Subventionierung, da er den Institutionen bislang noch weniger bekannt ist und daher als weniger anstößig als die Begriffe schwul oder lesbisch wahrgenommen wird. Weitere erhoffen sich von queer ein Aufbrechen der herkömmlichen Eingrenzungen der möglichen Lebensweisen, wie sie von den Begriffen schwul oder lesbisch gezogen werden, sodass das, was schwul oder lesbisch sein kann, als vielfältiger gedacht werden kann.[p: 3]

Theoretisch ist die Queerbewegung eng mit den geisteswissenschaftlichen Denkrichtungen des Poststrukturalismus und des Postmodernismus, der Diskursanalyse und der Gender-Theorie verbunden. Eine besondere Rolle spielen für die queere Bewegung die Werke des französischen Philosophen Michel Foucault und der US-amerikanischen Gender-Theoretikerin Judith Butler. Weitere Vordenker sind Eve Kosofsky Sedgwick und Michael Warner.

Die Bezeichnung queer wurde in den USA Ausdruck eines politischen Aktivismus (Queer Politics) und einer Denkrichtung (Queer Theory oder Queer Studies) etabliert. Queer sollte dazu dienen, von der heteronormativen Norm abweichende Lebensweisen sichtbar zu machen, die Heteronormativität und die zweigeschlechtliche (binäre) Geschlechterordnung zu kritisieren sowie eine Kritik an schwullesbischen Identitätsmustern (Lesbian and Gay Identity) zu etablieren. Der wesentliche Unterschied zwischen Gender und Queer besteht darin, dass Queer die Vielgeschlechtlichkeit der Menschen anerkennt und damit die Tatsache, dass sich Geschlechter/Geschlechtsidentitäten nicht nur in Männer und Frauen, Mädchen und Jungen einteilen lässt.[c: 1]

Die postmodern und queer begründete Kulturtheorie wird als Queer-Theorie bezeichnet, sie ist Anfang der 1990er Jahre in den USA entstanden. Die Queer-Theorie möchte sexuelle Identitäten, Machtformen und Normen, Geschlechterrollen und sich eventuell daraus ergebende Ausbeutungsverhältnisse analysieren und dekonstruieren. Die Queer-Theorie geht davon aus, dass geschlechtliche und sexuelle Identität durch Handlungen erzeugt werden (Doing Gender/Undoing Gender).

Ihre Anwendung findet die Queer-Theorie in den interdisziplinär ausgerichteten, kulturwissenschaftlichen Queer Studies, welche darauf abzielen, sexuelle Identitäten in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zu identifizieren, zu analysieren und zu dekonstruieren (etwa in Literaturwissenschaft, Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Soziologie, Philosophie oder Psychologie).

Im deutschsprachigen Raum werden, anders als im anglo-amerikanischen Raum, queere und feministische Perspektiven aufeinander bezogen, anstatt sie als einander ausschließend zu begreifen.[p: 1] Der queer ausgerichtete Feminismus wird als Queerfeminismus bezeichnet. Er entstand in den 1990er Jahren und wird der dritten Welle des Feminismus zugerechnet. Die entscheidende Theoretikerin des Queerfeminismus ist Judith Butler. Queerfeminismus bezieht sich sowohl auf feministische Theorie als auch auf Queer Studies.[c: 2] Kritik am Queerfeminismus wird regelmäßig von Autoren geäußert, die sich mit anderen Strömungen identifizieren. In Deutschland kritisierte 2017 die Herausgeberin Patsy l’Amour laLove gemeinsam mit 27 weiteren Autoren und Autorinnen in dem Sammelband Beißreflexe: Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten und Sprechverboten vielfältige Sprechverbote und Ausgrenzungen innerhalb der queeren Szene.[5][6]

Mit Rückgriff auf poststrukturalistische Theorien werden in der Queer-Theorie in Ansätzen Unterdrückungs- und Machtverhältnisse der gesellschaftlichen, insbesondere geschlechtlichen und sexuellen Ordnung, sowie die Verschränkung von Identitäten und Machtverhältnissen aufgezeigt und dekonstruiert. Der Schwerpunkt liegt nach wie vor auf den Themen Sex, Gender und Begehren. Dieser Schwerpunkt wurde vor allem in den USA ansatzweise erweitert um die Reflexion der Verknüpfung mit anderen Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Regulativa wie kulturelle Herkunft, Kultur, Hautfarbe, Fähigkeiten und weiteren.[p: 4]

Medien

Politik

Hochschulen

Sport