Paul Tillich

Paul Johannes Tillich (* 20. August 1886 in Starzeddel, Landkreis Guben; † 22. Oktober 1965 in Chicago, Illinois, USA) war ein deutscher und später US-amerikanischer protestantischer Theologe (Dogmatiker) und Religionsphilosoph.

Tillich gehört – zusammen mit Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Rudolf Bultmann und Karl Rahner – zum Kreis einflussreicher deutschsprachiger Theologen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Emigration im Jahr 1933 in die USA und sein Wirken an der Harvard University und der University of Chicago begründeten seinen weltweiten Ruf, der auch aus der umfangreichen internationalen Sekundärliteratur sichtbar wird.

Tillich wuchs in einem Pfarrhaus als Sohn des aus Berlin stammenden lutherischen Pfarrers Johannes Tillich (1857–1937) und dessen Frau Mathilde auf. Er studierte Theologie und Philosophie an den Universitäten von Berlin, Tübingen und Halle. Als Student trat er den Wingolfsverbindungen in diesen Städten bei. In seiner Zeit beim Hallenser Wingolf war er der (im Ergebnis erfolglose) Protagonist der Konservativen gegen die liberalen Wingolfsverbindungen (liberale Theologie), die ihren Mitgliedern das apostolische Glaubensbekenntnis nicht abverlangen wollten und deshalb die zwingende Mitgliedschaft beim Hochschulwechsel in der neuen Ortsverbindung infrage stellen wollten. 1910 wurde er an der Universität Breslau mit einer Arbeit über Schelling bei Eugen Kühnemann promoviert. 1911 trat er sein Vikariat in Nauen an, im Mai 1912 absolvierte er das zweite Theologische Examen, am 18. August 1912 erfolgte die Ordination in der Berliner St. Matthäuskirche. Im Anschluss wirkte er als Hilfsprediger an der Erlöserkirche in Berlin-Moabit. Bei Beginn des Ersten Weltkrieges meldete er sich freiwillig als Militärpfarrer und wurde für seinen Einsatz mit dem Eisernen Kreuz II. und I. Klasse ausgezeichnet.[1]

Nach dem Krieg, der sich später als für Tillich bestimmend erweisen sollte, lehrte er als Privatdozent in Berlin, dann ab 1924 in Marburg, ab 1925 an der Technischen Hochschule Dresden und schließlich von 1929 bis 1933 in Frankfurt am Main. 1933 wurde er, nachdem er mit Die sozialistische Entscheidung eine Schrift gegen den Nationalsozialismus veröffentlicht hatte und weil er den Religiösen Sozialisten angehörte, aufgrund des Berufsbeamtengesetzes aus dem Staatsdienst entlassen, worauf er Deutschland verließ.[2]

Gemeinsam mit August Rathmann fungierte Tillich ab 1931 bis zum Verbot der Zeitschrift als Herausgeber der Neuen Blätter für den Sozialismus.[3] Tillich und Rathmann blieben auch während Tillichs Exil im Kontakt, auch über 1945 hinaus. Rathmann besorgte dann zu Beginn der 1950er Jahren die Übersetzung von Tillichs In der Tiefe ist Wahrheit.

Freunde verschafften ihm am Union Theological Seminary in New York eine Anstellung, wo Tillich beinahe zwanzig Jahre lehren sollte. In dieser Zeit entstanden mit Auf der Grenze (1936, dt. 1962) auch die persönlich geprägten theologischen Reflexionen, die die mit dem Ersten Weltkrieg einsetzende Krise in Tillichs Leben beleuchten und seinen späteren theologischen Werdegang erklären. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war Tillich in Fachkreisen bereits bekannt und hatte seinerseits begonnen, die englische Sprache in dem für wissenschaftliche Publikationen erforderlichen Umfang zu erlernen.

Tillich war in den USA eingebunden in den Kampf gegen den Nationalsozialismus und in die Unterstützung anderer Exilanten. Er war 1936 in New York Mitbegründer der Organisation Selfhelp of Emigres from Central Europe[4] und deren erster und langjähriger Präsident. 1944 wurde er Vorsitzender des Council for a Democratic Germany.[5]

1948 war es aber keine gelehrte Monographie, sondern eine unter dem Titel The Shaking of the Foundations (deutsch: In der Tiefe ist Wahrheit) veröffentlichte Sammlung von Predigten, die Tillich landesweit bekannt machte. Noch in New York begann Tillich, seine Systematische Theologie zu schreiben. Als er 1955 am Seminary emeritiert wurde, war er in den USA ein „intellektueller Superstar“ (Kelsey), der sich die Universität aussuchen konnte. Tillich ging als University Professor mit fakultätsübergreifendem Lehrrecht an die Harvard University und veröffentlichte dort den zweiten Band der Systematik. 1962 nahm er einen Ruf an die Divinity School der University of Chicago an und brachte den dritten Band der Systematischen Theologie heraus.

Paul Tillich war in zweiter Ehe verheiratet mit der Malerin und Autorin Johanna („Hannah“) Tillich, geb. Werner.[6]

Paul Tillich verstarb 1965 im Alter von 79 Jahren. Seine Urne fand zunächst Aufnahme auf dem Friedhof von East Hampton auf Long Island. Sie wurde dann nach New Harmony, Indiana, überführt, wo sie zu Pfingsten 1966 von Jerald Brauer, Dekan der Divinity School, im Paul Tillich Park beigesetzt wurde. Der Grabstein aus rotem Granit erinnert in englischer Sprache an den 3. Vers des 1. Psalms: „Paul Johannes Tillich 1886–1965. Und er soll sein wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit und dessen Blätter nicht verwelken, und alles, was er tut, gerät ihm wohl.“

Zentrale theologische Interessen von Tillich lassen sich in folgenden Begriffspaaren überblicksartig zusammentragen:[7]

Diese Begriffspaare entsprechen der Gliederung, die Tillich selbst in seiner Systematic Theology vorgelegt hat. Charakteristisch für Tillichs Theologie ist die Rede von Metaphern für verschiedene Übergänge: Die Schöpfungslehre behandle den Übergang vom Ewigen zum Zeitlichen, die Hamartiologie (Sündenlehre inklusive Sündenfall) den Übergang von der Essenz zur Existenz, die Soteriologie (Erlösungslehre) den Übergang von der Existenz zur Essenz und die Eschatologie (die Lehre vom Ende der Geschichte) den Übergang vom Zeitlichen zum Ewigen.[8]

Tillich unterscheidet zwischen Vernunfterkenntnis und Glaubenswahrheit: Vernunfterkenntnis ist auf die Wirklichkeit bezogen, die Glaubenswahrheit erschließt ihren Sinn für uns. Theologie und Philosophie bilden also weder eine Synthese, noch stellen sie einen Widerspruch dar.[9] Glaube bezieht sich auf die Offenbarung dessen, „was uns unbedingt angeht“. Es handelt sich dabei um existentielles Erkennen, das mich ergreift. Es setzt den ontologischen Schock voraus, der sich durch das Bewusstsein der Unselbstverständlichkeit allen Seins, der Endlichkeit, auszeichnet. In der Realisierung der Grenze erlebt man die negative Seite des Unbedingten als Abgrund, wobei das Unbedingte auch der Grund des Seins ist. Kleffmann spricht von einem dreifachen rationalen Charakter der Theologie Tillichs:[9]

Er entwickelt zwei formale Kriterien für jede Theologie.

„Darum ist dieses das erste formale Kriterium der Theologie: Der Gegenstand der Theologie ist das, was uns unbedingt angeht. Nur solche Sätze sind theologisch, die sich mit einem Gegenstand beschäftigen, sofern er uns unbedingt angeht.

[…] Das, was uns unbedingt angeht, ist das, was über unser Sein oder Nichtsein entscheidet. Nur solche Sätze sind theologisch, die sich mit einem Gegenstand beschäftigen, sofern er über unser Sein oder Nichtsein entscheidet. Das ist das zweite formale Kriterium der Theologie.“ (Band 1, Einleitung, Abschnitt B 2.)

Methodisch bezieht Tillich die unterschiedlichen Wissenschaften aufeinander: Die anderen Wissenschaften (z. B. Philosophie) stellen die Fragen, die sich aus dem Menschsein allgemein ergeben. Die Theologie kann durch die Offenbarung die Antworten auf diese Fragen geben:

„Die Methode der Korrelation erklärt die Inhalte des christlichen Glaubens durch existentielles Fragen und theologisches Antworten in wechselseitiger Abhängigkeit.“ (Band 1, Einleitung, Abschnitt D 5.)

Gott sei die Antwort auf die Frage, die in menschlicher Endlichkeit impliziert sei; er sei der Name für das, was den Menschen unbedingt angeht.[10] Es verhalte sich aber nicht so, dass es ein Wesen namens Gott (God) gibt, was dann den Menschen unbedingt anzugehen hat, sondern das, was den Menschen unbedingt angeht, werde für ihn zum Gott (god). Umgekehrt könne der Mensch auch nur von dem unbedingt angegangen werden, was für ihn Gott ist.

Mensch und Gottesvorstellungen hängen zusammen, worauf Projektionshypothesen verweisen. Diese übersehen laut Tillich aber, dass man Projektionen immer auf etwas projiziere, z. B. auf einen Bildschirm. Der Bildschirm selbst sei aber nicht eine Projektion. Der Bereich, der uns unbedingt angeht, sei wie ein solcher Bildschirm, und daher auch keine Projektion, sondern der Bereich, auf den die Gottesbilder projiziert werden. Gottheiten seien dabei aber weder nur subjektiv noch Objekte, sondern das, was uns unbedingt angeht, transzendiere die Unterscheidung von subjektiv und objektiv: Die Beziehung, die der Mensch zu Gottheiten habe, sei „existential“. Das heiße, dass der Mensch nicht unbeteiligt von Gottheiten sprechen könne. Falls er das tut, habe er seinen Gott schon verloren und behandle ihn als ein Objekt unter vielen, wodurch es für ihn nichts mehr sei, was ihn unbedingt angehe.[11]

Tillich bezeichnet das grundlegende Problem des Menschen in seiner Systematic Theology als „existential estrangement“. Diese Entfremdung meint den Übergang von „essence“ zu „existence“. Dieser Übergang wird im Symbol des Falls beschrieben: Der Mensch fällt aus seiner Unschuld und ungestörten Gemeinschaft mit Gott heraus in die Fremde. Diese Entfremdung wird dreifach bemerkbar

Leben unter den Bedingungen der Existenz heißt leben unter den Bedingungen der Sünde, die im Wesentlichen an diesen Entfremdungen deutlich wird. Man versteht sich selbst nicht mehr, man zerstreitet sich mit dem Mitmenschen und entfernt sich von dem eigenen Urgrund, aus dem man stammt. Die Erfahrung von Gnade ist es, wenn diese Entfremdungen überwunden werden (so in seiner Predigt „You are accepted“). Christus beschreitet einen Weg, bei dem er seine innige Gemeinschaft mit Gott (Essenz) zurücklässt und die Bedingungen der Existenz, des Menschseins und der Entfremdung auf sich nimmt, um sie letztendlich zu überwinden. Tillich möchte die klassischen Begriffe wie Sünde, Gnade und Erlösung mit grundsätzlich menschlichen Erfahrungen verknüpfen: Die Beschreibung der Erfahrung, dass etwas nicht stimmt und dass Beziehungen nicht immer so gelingen, wie man es sich wünscht, sollen die Idee der Entfremdung plausibilisieren. Und die christliche Perspektive bleibt nicht bei den Rissen und Entfremdungen existenzialistischer Philosophie stehen, sondern sucht im Sinne der Methode der Korrelation eine Lösung für das Problem der Entfremdung. Die Lösung besteht in der durch Christus ermöglichten Erlösung von der Isolation durch Abreißen der Mauern, die man zu anderen Menschen, zu seinem eigenen Selbst und zu Gott aufgebaut hat.

Der für die Existenz maßgebliche Schlüsselbegriff „Entfremdung“ könne aber den Begriff „Sünde“ nicht ablösen. Der Mehrwert im Begriff „Sünde“ liege darin, dass er den persönlichen Akt der Abwendung von dem beschreibe, zu dem man gehört. Während „Entfremdung“ mehr den tragischen Charakter der Schuld betone, hebe „Sünde“ mehr die Rolle der persönlichen Freiheit hervor. Der in der katholischen und evangelischen Kirchen dominante Gebrauch von „Sünden“ im Plural meine Sünden als Abweichungen vom moralischen Gesetz. Tillich verweist darauf, dass „Sünden“ aber nur Ausdrücke von „Sünde“ seien. Nicht der Ungehorsam mache eine Tat sündig, sondern die Tatsache, dass es sich um einen Ausdruck der Entfremdung handle. Der Gegenbegriff zu Entfremdung sei Liebe, weil sie die Wiedervereinigung dessen suche, was sich voneinander entfremdet. In Glauben und Liebe werde die Entfremdung überwunden und somit die Sünde besiegt.

Die Christologie sei unter Berücksichtigung der Traditionen zu betrachten, aus denen sie entspringt. Aus der jüdischen Frömmigkeit und dem Alten Testament werde der Gesalbte auf dem Hintergrund von Königsideologien verstanden (z. B. dass er in Frieden und Gerechtigkeit herrscht). Hierbei werde die historische Funktion mit politischen Konsequenzen und Bezug auf eine bestimmte, partikulare Gruppe betont (horizontale Dimension). Die vertikale Dimension hingegen entstamme dem Hellenismus und betone den nicht-historischen oder transhistorischen Charakter, der universalere Züge annehme und z. B. in der johanneischen Logos-Christologie zum Ausdruck komme. Die christliche Theologie verbinde diese horizontalen und vertikalen Aspekte in der Idee von Christus als Mittler. Es gebe eine unendliche Lücke zwischen Gott und Mensch, also zwischen dem Unbedingten, Unendlichen und der Essenz einerseits und dem Bedingten, Endlichen und der Existenz andererseits. Diese unendliche Lücke werde von Christus als Mittler überbrückt. Christus sei Gott und daher von seinem Wesen her Essenz, aber werde Mensch und nehme somit die Umstände der Existenz auf sich. Er repräsentiere Gott für die Menschen, indem er selbst zeigt, wie der Mensch essenziell sein sollte.

Das Neue Sein in Christus sei die Kraft der Erlösung. Erlösung sei in den verschiedenen Strömungen jeweils anders akzentuiert worden als Erlösung von

Tillich selbst versteht Erlösung grundlegend als die heilende und rettende Kraft durch das Neue Sein. Heilung meine die Wiedervereinigung des Entfremdeten. Es gehe hierbei nicht um die Alternative von totaler Erlösung oder absoluter Verdammung (wogegen sich auch die Allversöhnung wende), sondern Erlösung sei immer nur fragmentarisch. Erlösung habe einen dreifachen Charakter: Erstens sei Erlösung Partizipation, was mit dem klassischen Ausdruck der Wiedergeburt zu tun habe. Zweitens betone die Rechtfertigung, dass der Mensch sich selbst nicht erlösen kann, sondern nur zu akzeptieren habe, dass er akzeptiert sei. Die Transformation von Persönlichkeit und Gesellschaft, kirchlich und säkular, sei die vom Geist gewirkte Heiligung.

Sucht man in Tillichs Systematischer Theologie nach der ausführlichsten Abhandlung über die Trinität, so wird man am Ende des vierten Teils (Leben und Geist) fündig: „Die trinitarischen Symbole“. Tillich übersetzt die traditionellen Begriffe für die Trinität (Vater, Sohn, Heiliger Geist) in seine eigene Worte: schöpferische Macht, erlösende Liebe, ekstatische Verwandlung. Entsprechend der Methode der Korrelation sucht Tillich die Gründe für die Entwicklung des trinitarischen Symbolismus in den Fragen der menschlichen Situation. Die Entsprechungen in der Trinitätslehre versuchen darauf jeweils zu antworten. Die Frage der menschlichen Endlichkeit im Hinblick auf sein essentielles Sein als Geschöpf korreliere mit der Lehre von Gott. Die Frage der Entfremdung im existentiellen Sein des Menschen in Zeit und Raum korreliere mit der Lehre von Christus. Die Frage nach der Zweideutigkeit im Hinblick auf die Partizipation des Menschen am universalen Lebens korreliere mit der Lehre vom Heiligen Geist.

Ekklesiologische Gesichtspunkte finden sich in Tillichs Systematischer Theologie u. a. im Zusammenhang der Überlegungen zu Geschichte und Reich Gottes. Er geht davon aus,

„daß die Kirchen die Repräsentanten des Reiches Gottes sind.“ (Band 3, Teil 5 B 1., Das Reich Gottes und die Kirchen)

Das Reich Gottes umfasst dabei nicht nur die „Geistgemeinschaft“, sondern alle Elemente der Wirklichkeit, also alle „Seinsbereiche unter dem Aspekt ihres Ziels“. Die Repräsentation des Reichs Gottes durch die Kirchen ist zweideutig und paradox, weil sie es zugleich offenbaren und verhüllen. Aber selbst wenn die Kirchen das Reich Gottes verhüllen und das dämonische Reich statt dem göttlichen offenbaren, bleiben sie Kirchen.

Diese Repräsentation bringt eine doppelte Aufgabe mit sich. Die Kirche nimmt an zwei Prozessen teil:

In anderen Worten ist es also die Aufgabe der Kirche, "Zeugnis vom Reich Gottes abzulegen und auf sein Kommen vorzubereiten. Der Grund, warum die Kirchen Werkzeuge des Reiches Gottes sein können, liegt darin, dass sie im Neuen Sein gegründet sind, in dem die Mächte der Entfremdung überwunden sind. Voraussetzung für die Repräsentanz durch die manifeste Kirche ist die vorbereitende Arbeit der latenten Kirche.

Das Reich Gottes ist mehr als ein soziales Symbol: Es umfasst die gesamte Wirklichkeit. Die sakramentale Heiligung von Elementen veranschaulicht die Gegenwart des Unbedingt-Wirklichen in allen Dingen. Dieser Aspekt kommt in den „Kirchen des 'Wortes'“ etwas zu kurz.

Das Problem ist, dass die Kirchen selbst der Dämonisierung und Profanisierung unterworfen sind, gegen die sie kämpfen. In paradoxer Einheit sind sie profan und heilig, dämonisch und göttlich.

Tillich definiert die Geschichte der Kirchen wie folgt:

„Die Geschichte der Kirchen ist die Geschichte, in der sich die eine Kirche in Raum und Zeit aktualisiert.“ (Band 3, Teil 5 II. B 2)

Die Geschichte der Kirchen ist an keinem Punkt identisch mit dem Reich Gottes, aber auch nie ohne Manifestationen des Reiches Gottes. Es gibt verschiedene Fragen, die den paradoxen Charakter der Kirche offenbaren:

Auffällig ist, dass die Kirchen verschiedenen Profanisierungstendenzen unterliegen: Die katholische Kirche hat das Problem der Profanisierung in Form der Ritualisierung, der Protestantismus in Form der Säkularisierung, also Verweltlichung der Kirche (Laien werden Priester, Sakramente bloße Worte).

Der Sinn der Geschichte der Kirchen liegt offensichtlich nicht darin, dass sie eine „heilige Geschichte“ ist, denn nicht alles in ihrer Geschichte ist heilig, und es gibt auch heilige Geschichten außerhalb der Kirche. Das einzigartige an der Geschichte der Kirchen ist, dass sie ein Kriterium haben – das Neue Sein in Christus. Dadurch sind sie nicht besser als andere religiöse Gruppen, aber damit haben sie ein Kriterium gegen sich selbst und implizit auch gegen andere.

Hier beschäftigt sich Tillich mit dem, was klassisch als „Eschatologie“ bezeichnet wird und er selbst als „Ende der Geschichte“ benennt. Die Themen Schöpfung und das Ende der Geschichte werden in zeitlichen Metapher dargestellt, auch wenn sie keine zeitlichen Ereignisse seien. Die Metapher vom Übergang des Ewigen zum Zeitlichen werde im Modus der Vergangenheit ausgesagt, die vom Übergang des Zeitlichen zum Ewigen im Modus der Zukunft. Die Schöpfung handle von der Abhängigkeit geschöpflicher Existenz, die Eschatologie von ihrer Erfüllung. Der Schlüsselpunkt der eschatologischen Betrachtung liegt im Zusammentreffen der zeitlichen Modi:

„Vergangenheit und Zukunft treffen in der Gegenwart zusammen, und beide sind in dem 'Ewigen Jetzt' gegenwärtig.“ (Band 3, Teil 5 III. A 1)

Was ist das Ewige Leben? Auf diese Frage gebe es drei Antworten:

Diese dritte Antwort prägt auch Tillichs Interpretation des Symbols vom Jüngsten Gericht, bei dem es um ein trennen vom Guten und Bösen, vom Wahren und Falschen usw. gehe. Beispiele für das Negative, das überwunden werden solle, seien Krankheit, Tod, Lüge, Zerstörung und Mord.

„hier und jetzt, in dem dauernden Übergang vom Zeitlichen zum Ewigen wird das Negative vernichtet mit seinem Anspruch, ein Positives zu sein, einem Anspruch, den es geltend macht, indem es sich des Positiven bedient.“ (Band 3, Teil 5 III. A 3)

Helmut Thielicke hat Tillich als „Wanderer zwischen den Welten“ bezeichnet, Horst Bürkle als „Vermittlungstheologen“; Friedrich Mildenberger sprach vom „Denker auf der Grenze“. Ihm ist es mit seiner Methode der Korrelation von Frage und Antwort, Situation und Botschaft wie kaum jemand anderem gelungen, die existentiellen Fragen seiner Zeit aufzugreifen und sie als religiöse Fragen zu formulieren, sowie aufzuzeigen, dass die Symbole der christlichen Botschaft attraktive und nach wie vor aktuelle Antworten auf diese Fragen sind.

Sein Denken prägte die Frühphase der später so genannten „Kritischen Theorie der Gesellschaft“ der Frankfurter Schule um Horkheimer und Adorno maßgeblich mit. Das Denken Tillichs wurde über Europa hinaus von Bedeutung. So sind der anglikanische Bischof John Shelby Spong und der japanische Religionsphilosoph Takamaro Shigaraki wesentlich von Tillich beeinflusst.

Besondere Bedeutung für die Theologie, die Religionspädagogik und die Auseinandersetzung des Christentums mit anderen Religionen hat seine Bestimmung des Verhältnisses von Glaube und Mythos. „Mythen sind Symbole, die zu Geschichten verbunden sind, in denen Begegnungen zwischen Göttern und Menschen erzählt werden. Die Mythen sind in jedem Akt des Glaubens gegenwärtig, denn die Sprache des Glaubens ist das Symbol.“ Als entscheidendes Kriterium für einen kritischen Umgang mit dem Mythos führt Tillich den Begriff des gebrochenen Mythos ein. Er definiert ihn folgendermaßen: „Ein Mythos, der als Mythos verstanden, aber nicht beseitigt wird, kann gebrochener Mythos genannt werden.“ – „Ein Glaube, der seine Symbole wörtlich versteht, wird zum Götzenglauben. Er nennt etwas unbedingt, was weniger ist als unbedingt. Der Glaube aber, der um den symbolischen Charakter seiner Symbole weiß, gibt Gott die Ehre, die ihm gebührt.“ – „Das Christentum schließt seinem eigentlichen Wesen nach jeden ungebrochenen Mythos aus, denn seine Grundlage ist der Inhalt des ersten und höchsten Gebotes, die Unbedingtheit des Unbedingten anzuerkennen und jede Art von Götzendienst abzulehnen.“ (P. Tillich, Wesen und Wandel des Glaubens, 1961) Das bedeutet aber für Tillich durchaus nicht, dass das Christentum in seiner Geschichte diesem Wesen immer treu geblieben ist und dass andere Religionen diesem Kriterium nicht oft besser entsprochen haben.

Tillich beschäftigte sich auch mit der Projektionstheorie Marx’ und Freuds, so z. B. in einer Besprechung des Buches von Erich Fromm über Psychoanalyse und Religion.

Seit 1940 besaß Paul Tillich die amerikanische Staatsbürgerschaft. Mit seiner Lehrtätigkeit, seinen Vorträgen und seinem interdisziplinären Gespräch erreichte er schließlich nicht nur Theologen, sondern unter den amerikanischen Intellektuellen vor allem auch Psychiater, Psychologen und Künstler. 1950 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. 1963, anlässlich des 40-jährigen Bestehens des amerikanischen Nachrichtenmagazins Time, hielt er im Waldorf-Astoria-Hotel den Festvortrag. In Deutschland erhielt er 1956 die Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main und 1958 den Hansischen Goethe-Preis. 1961 das Große Verdienstkreuz mit Stern.

1962 wurde er in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet; die Laudatio hielt Otto Dibelius.[12]

Die Deutsche Paul-Tillich-Gesellschaft e.V. veranstaltet unter anderem Jahrestagungen zu Tillichs Wirken.

Neben der umfangreichen Primärliteratur, die dank der Deutschen Paul-Tillich-Gesellschaft und der Herausgeberin Renate Albrecht in deutscher Sprache erschienen ist, gibt es auch zahlreiche Tonbänder, Kassetten und CDs mit Tillichs Vorlesungen, Vorträgen und Interviews. Die Tillich-Archive und -Sammlungen befinden sich in der Universitätsbibliothek Marburg, in der Andover-Harvard Theological Library und im Union Theological Seminary in Virginia.

Thomas Mann, Albert Schweitzer, Julius Petersen (1932) | William Butler Yeats (1934) | Georg Kolbe (1937) | Leo Frobenius (1938) | Anton Kippenberg (1939) | Hans Pfitzner (1940) | Friedrich Bethge (1941) | Wilhelm Schäfer (1943) | Franz Volhard, Gustav Mori, Franz Schultz (1947) | Georg Hartmann (1948) | André Gide, Adolf Grimme, José Ortega y Gasset, Gerhard Marcks, Friedrich Meinecke, Robert Maynard Hutchins, Victor Gollancz, Carl Jacob Burckhardt (1949) | Friedrich Dessauer, Friedrich Witz, Richard Merton, Alexander Rudolf Hohlfeld, Boris Rajewsky, Ernst Robert Curtius, Jean Angelloz, Leonard Ashley Willoughby (1951) | Bernhard Guttmann, Ludwig Seitz, John Jay McCloy (1952) | Max Horkheimer, Fritz Strich (1953) | August de Bary, Karl Kleist, Richard Scheibe, Rudolf Alexander Schröder (1954) | Andreas Bruno Wachsmuth, Fritz von Unruh, Ferdinand Blum, Paul Hindemith, Hanns Wilhelm Eppelsheimer (1955) | Peter Suhrkamp, Carl Mennicke, Josef Hellauer, Paul Tillich (1956) | Helmut Walcha, Kasimir Edschmid, Benno Reifenberg, Gottfried Bermann Fischer, Rudolf Pechel (1957) | Otto Bartning, Friedrich Lehmann, Werner Bock, Martin Buber, Helmut Coing (1958) | Cicely Veronica Wedgwood, Thornton Wilder, Herman Nohl, Jean Schlumberger, Sir Sarvepalli Radhakrishnan, Yasunari Kawabata (1959) | Alfred Petersen, Arthur Hübscher, Franz Böhm (1960) | Vittorio Klostermann (1961) | Edgar Salin (1962) | Theodor W. Adorno, Fried Lübbecke, Karl Winnacker (1963) | Harry Buckwitz (1964) | Carl Orff (1965) | Marie Luise Kaschnitz, Heinrich Troeger, Ferdinand Hoff (1966) | Carl Tesch, Werner Bockelmann, Wilhelm Schöndube, Wilhelm Schäfer (1967) | Kurt Hessenberg (1973) | Ljubomir Romansky, Waldemar Kramer (1974) | Albert Richard Mohr (1976) | Siegfried Unseld, Oswald von Nell-Breuning SJ (1977) | Paul Arnsberg (1978) | Wulf Emmo Ankel, Christoph von Dohnányi, Erich Fromm (postum verliehen 1979) (1981) | Horst Krüger, Walter Hesselbach, Rudolf Hirsch, Fuat Sezgin (1980) | Wilhelm Kempf, Sir Georg Solti (1981) | Leo Löwenthal, Bruno Vondenhoff (1982) | Harald Keller (1983) | Marcel Reich-Ranicki (1984) | Alfred Grosser (1986) | Joachim Fest (1987) | Jörgen Schmidt-Voigt (1988) | Dorothea Loehr, Alfred Schmidt, Dolf Sternberger (1989) | Eva Demski, Hilmar Hoffmann (1990) | Albert Mangelsdorff (1991) | Iring Fetscher, Willi Ziegler (1992) | Liesel Christ, Walter Weisbecker, Ludwig von Friedeburg (1994) | Heinrich Schirmbeck, Emil Mangelsdorff, Wolfram Schütte (1995) | Christiane Nüsslein-Volhard, Walter Boehlich (1996) | Walter H. Pehle, Hans-Dieter Resch (1997) | Anja Lundholm, Christoph Vitali, Peter Weiermair (1998) | Arno Lustiger, Johann Philipp von Bethmann (1999) | Karl Dedecius, Michael Gotthelf (2000) | Ernst Klee, Hans-Wolfgang Pfeifer (2001) | Horst-Eberhard Richter, Peter Eschberg, Heiner Goebbels, Oswald Mathias Ungers (2002) | Christa von Schnitzler, Albert Speer junior, Chlodwig Poth, Jean-Christophe Ammann, Franz Mon (2003) | Ferry Ahrlé, Monika Schoeller (2004) | Henriette Kramer, Gerhard R. Koch (2005) | Eliahu Inbal, Peter Iden (2006) | Thomas Bayrle, Carmen-Renate Köper (2007) | Frank Wolff, E. R. Nele (2008) | Peter Kurzeck, Rosemarie Fendel (2009) | Klaus Reichert (2010) | Hans-Klaus Jungheinrich, Dieter Buroch (2011) | Felix Mussil, Mischka Popp, Thomas Bergmann (2012) | Paulus Böhmer, Peter Cahn (2013) | Hans Traxler, Thomas Gebauer, Wilhelm Genazino (2014) | Martin Mosebach, Sven Väth (2015) | Tobias Rehberger, Bettina von Bethmann (2016) | Claus Helmer, Moses Pelham (2017) | Max Weinberg (posthum) (2018) | Bodo Kirchhoff, Effi B. Rolfs, Max Hollein (2019) | Silke Scheuermann, Burkard Schliessmann (2020) | Hans Zimmer, Sandra Mann (2021) | Sabine Fischmann, Volker Mosbrugger (2022) | Anne Imhof (2023)

Büste von Paul Tillich im Paul Tillich Park in New Harmony, Indiana, USA
Grabstein von Paul Tillich im Paul Tillich-Park in New Harmony, Indiana, USA
Fast zwanzig Jahre lehrte Paul Tillich am Union Theological Seminary in New York
Tillichs Metaphern für grundsätzliche Übergänge in theologischen Lehren
Tillich zur Gotteslehre
Tillichs Verständnis von Entfremdung
Tillichs Verständnis von Christus als Mittler
Trinität mit ihren Korrelationen bei Tillich
Tillich zu Schöpfung und Eschatologie
Paul Tillich: Main Works – Hauptwerke.