Orson Welles

George Orson Welles (* 6. Mai 1915 in Kenosha, Wisconsin; † 10. Oktober 1985 in Los Angeles, Kalifornien) war ein US-amerikanischer Hörspiel-, Film- und Theaterregisseur, Schauspieler und Autor.

Obwohl viele seiner Projekte nie verwirklicht wurden oder unvollendet blieben, gilt Welles als einer der künstlerisch einflussreichsten Regisseure des Kinos. Sein erster Kinofilm, Citizen Kane, wird oft als das bedeutendste Werk der Filmgeschichte bezeichnet und bis heute häufig zitiert. Das britische Filmmagazin Sight & Sound wählte Welles zum besten Regisseur aller Zeiten.[1] Mit seiner berühmten Hörspiel-Version von Der Krieg der Welten sowie seinen wegweisenden Broadway-Inszenierungen war er auch für Radio und Theater ein bedeutender Innovator.

Orson Welles war der zweite Sohn von Richard Head Welles, einem wohlhabenden Geschäftsmann, und Beatrice Ives, einer Konzertpianistin und Suffragette.[2] Bereits als Kind soll Orson Welles von Dr. Maurice Bernstein, einem Arzt aus Chicago, als Wunderkind bezeichnet worden sein. Seine Mutter machte ihn früh mit Werken von William Shakespeare sowie dem Klavier- und Violinspiel im Vaudeville bekannt. Als er sechs Jahre alt war, trennten sich seine Eltern.[3] Die Mutter zog mit den Kindern nach Chicago. Dort kam der Junge zum ersten Mal mit der Opern- und Theaterszene in Kontakt. Beatrice Welles verstarb bereits früh an einer Gelbsuchterkrankung. Dudley Crafts Watson, ein Arbeitskollege seiner Mutter am Art Institute of Chicago, nahm ihn daraufhin in seiner Familie auf.[3] Als der Vater starb – Welles war zu diesem Zeitpunkt fünfzehn Jahre alt – wurde Maurice Bernstein sein Vormund.[4]

Seine Karriere begann Orson Welles Anfang der 1930er Jahre als Schauspieler beim Theater. In Hörspielen konnte er als Sprecher in beliebten Serien wie Cavalcade of America und The March of Time erste Erfolge erzielen. In den 1930er Jahren, während der Wirtschaftskrise, wurden Theaterprojekte von der Regierung unterstützt. Sein Freund John Houseman holte Welles zum Federal Theatre Project, einem Projekt der US-Regierung, wo er kreativen Freiraum erhielt und schon bald Shakespeare-Produktionen am Broadway leitete.

Seine Inszenierung von Julius Caesar modernisierte das Drama, indem es zahlreiche Bezüge zu damals aktuellen Ereignissen[4] herstellte und das Publikum in die Aufführung mit einbezog. Die Aufführung gilt bis heute als richtungsweisende Shakespeare-Interpretation auf US-amerikanischem Boden. Als ebenso legendär gilt sein „Voodoo-Macbeth“. Zu dieser Zeit erarbeitete sich Welles, gerade knapp über 20 Jahre alt, den Ruf als vielversprechendes Genie. Welles und sein Partner John Houseman trennten sich 1937 vom Federal Theatre Project und gründeten ihre eigene Theatergruppe, das Mercury Theatre.[5]

Weit über die Grenzen von New York hinaus wurde er durch seine Arbeit fürs Radio bekannt. Er sprach die Titelfigur in der Hörspielreihe The Shadow und produzierte mit seiner Theatertruppe Adaptionen von Literaturklassikern; den Auftakt des Mercury Theatre on the Air bildete am 11. Juli 1938 Dracula. Es ranken sich zahlreiche Anekdoten um sein Problem, gleichzeitig für das Theater und das Radio zu arbeiten. Landesweite Bekanntheit erlangte er durch das Hörspiel War of the Worlds nach der gleichnamigen Vorlage des Science-Fiction-Romans Der Krieg der Welten von H. G. Wells (als Buch 1898 veröffentlicht), das 1938 am Vorabend von Halloween gesendet wurde.[6] Diese fiktive Reportage soll bei ihrer Erstsendung am 30. Oktober 1938 an der Ostküste der USA eine Massenpanik ausgelöst haben – ob dies tatsächlich der Fall war, ist zweifelhaft. Einiges spricht dafür, dass diese bis heute oft kolportierte Darstellung eine Erfindung der Boulevardpresse war.[7]

Das „Wunderkind“ wurde von der Produktionsfirma RKO Pictures nach Hollywood gelockt, was das gleichzeitige Arbeiten für Film- und Radioproduktionen verkomplizierte. Als bisher einziger Autor/Regisseur erhielt Welles von seinem Filmstudio eine „Carte blanche“. Dadurch war er in der Lage, einen Film seiner Wahl vollständig nach seinen Vorstellungen zu drehen. Seine Idee, Joseph Conrads Herz der Finsternis zu verfilmen, erwies sich jedoch als nicht realisierbar.[8] Schließlich diente ihm das Leben des Medienzaren William Randolph Hearst als Vorlage für die Biografie des „Amerikaners“ (wie der Film ursprünglich heißen sollte). Welles war an allen kreativen Arbeitsvorgängen des Films maßgeblich beteiligt. Er schrieb am Drehbuch mit, führte Regie, spielte die Hauptrolle und leitete die Produktion, wodurch er zu einem Vorbild für viele Filmemacher wurde.

Obwohl von Kritikern bis heute als einer der bedeutendsten Filme aller Zeiten gelobt, blieb Citizen Kane damals der Erfolg verwehrt, was zum Teil auf Hearsts Kampagne gegen den Film zurückgeführt wird.[9] Citizen Kane besticht noch heute durch seine multiperspektivische Erzählweise, seine theatrale Optik und die Finessen des Soundtracks – Welles kombinierte hier alle Medienformen in übergreifender und innovativer Weise. Vom kommerziellen Misserfolg des Werkes erholte sich Welles’ Karriere nie mehr. Auch seine späteren Filme ging Welles stets mit großen Ambitionen an, wobei er aber häufig in Produktionswirren verstrickt wurde und regelmäßig scheiterte. Der Glanz des Hauses Amberson, gleich im Anschluss an Citizen Kane gedreht, ist nicht mehr in der vollständigen Fassung erhalten. Es werden zahlreiche Erklärungen angeführt für die Veränderungen durch das Studio und Welles’ Abwesenheit während der Nachproduktion.

Im Jahr 1947 verließ er Hollywood in Richtung Europa,[10] wo er 1949 noch einmal großen Erfolg hatte in der Rolle des Harry Lime in dem Film Der dritte Mann nach einer Erzählung von Graham Greene, der mit Carol Reed zusammen das Drehbuch schrieb. Auch eine darauf basierende Hörspielserie war kommerziell erfolgreich. Die anschließenden Jahrzehnte waren geprägt von finanziellen Misserfolgen und Rückschlägen. Filme wie Herr Satan persönlich und Im Zeichen des Bösen wurden zwar von manchem Kritiker gelobt, fanden aber kaum Zuspruch beim Publikum. Oft wurden sie von den Produzenten ohne Welles’ Zustimmung in veränderten und verschnittenen Versionen herausgebracht und büßten so seine originäre Handschrift ein.

Enttäuscht versuchte Welles nun, seine Projekte aus eigener Hand zu finanzieren und zu realisieren. Um sich das nötige Geld zu beschaffen, nahm er seine Rollen wahllos an und wirkte als Schauspieler unter der Regie von Kollegen in über hundert Filmen mit, darunter auch in Werbespots und der Synchronisation von Zeichentrickserien, was seinem öffentlichen Ansehen als Künstler nicht zuträglich war.

Bei der Verwirklichung seiner eigenen, künstlerisch potentiell viel wertvolleren Projekte war er häufig vom Pech verfolgt:

Als einer der ersten Kinoregisseure begeisterte sich Welles für das Medium Fernsehen und suchte auch dort nach kreativen Betätigungsmöglichkeiten. Daneben schrieb er unter Pseudonym einige Trivialromane und Drehbücher, meist aus finanziellen Motiven. Nach seiner Rückkehr in die USA konnte er, auch durch Auftritte in Talkshows, seinen Mythos am Leben halten. Für größere Aufmerksamkeit sorgte Welles noch einmal 1975 mit dem verschachtelten Film-Essay F wie Fälschung, in dem der umstrittene Kunstfälscher Elmyr de Hory sowie der nicht minder umstrittene Schriftsteller Clifford Irving, der sowohl eine gefälschte Biografie über den Milliardär Howard Hughes als auch eine vermeintlich echte, zumindest autorisierte Biografie über de Hory geschrieben hatte, porträtiert wurden. Der Film nimmt es mit der Wahrheit selbst nicht so genau, was wesentlich in seiner Konzeption begründet ist und ganz in Welles’ Absicht lag.[14]

Im Jahr 1983 wurde er als auswärtiges Mitglied in die Académie des Beaux-Arts aufgenommen.[15]

Einen letzten Filmauftritt hatte Welles 1983 an der Seite von Tony Curtis in Where Is Parzifal?. Die letzte Produktion, an der sich Welles beteiligte, war der Zeichentrickfilm Transformers – Der Kampf um Cybertron, in dem er die Rolle des Unicron sprach. Die Veröffentlichung des Films im Jahr 1986 erlebte er nicht mehr.

Orson Welles heiratete 1934 die Theaterschauspielerin Virginia Nicolson, die Ehe wurde 1939 geschieden.[6] Daneben hatte er auch eine Beziehung mit der mexikanisch-amerikanischen Schauspielerin Dolores del Río. Insbesondere während seiner Ehe mit Hollywood-Star Rita Hayworth zwischen 1943 und 1947[16] war sein Name häufig in der Boulevardpresse zu finden. Von 1955 bis zu seinem Tod 1985 war er mit der italienischen Schauspielerin Paola Mori (1928–1986) verheiratet. Aus Welles’ Ehen gingen drei Töchter hervor: Christopher, geboren 1938[17] aus seiner Ehe mit Nicholson, Rebecca (1944–2004),[18][19] aus seiner Ehe mit Hayworth und Beatrice, geboren 1955,[20] aus seiner Ehe mit Mori.

Obwohl die Ehe mit Mori auf dem Papier bis zuletzt Bestand hatte, war die kroatisch-französische Schauspielerin Oja Kodar für die letzten 20 Jahre seine Lebenspartnerin. Sie wurde in Welles’ letzten Lebensjahren zur vertrauten Gefährtin und engsten Mitarbeiterin. Kodar arbeitete unter anderem am Drehbuch von The Other Side of the Wind mit.[21]

Orson Welles litt mit zunehmendem Alter immer mehr an Fettleibigkeit. Er starb am 10. Oktober 1985 im Alter von 70 Jahren in seinem Haus in Kalifornien an Herzversagen, nachdem er nur wenige Stunden vor seinem Tod noch in der Merv Griffin Show aufgetreten war. Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Landgut „El Recreo de San Cayetano“ in der Nähe der andalusischen Stadt Ronda, wo seine Asche in einem blumengeschmückten trockenen Brunnen auf der Finca eines langjährigen Freundes, des früheren Stierkämpfers Antonio Ordóñez (1932–1998), beigesetzt wurde.[22]

Orson Welles bezog in seinen Theateraufführungen, Radioshows und Filmen, besonders während der Großen Wirtschaftskrise der 1930er Jahre, wie viele andere Künstler der Popular Front auch zu sozialen Themen Stellung. Er unterstützte den Wahlkampf von Franklin D. Roosevelt,[23] mit dem er freundschaftlich verbunden war.

Welles pflegte politisch linksgerichtete Aktivitäten und Ansichten sowie Kontakte zu Mitgliedern der Kommunistischen Partei wie etwa zu Palmiro Togliatti.[24] In der McCarthy-Ära (von 1947 bis etwa 1956) stand er deshalb auf der Schwarzen Liste des republikanischen Senators Joseph McCarthy.[25]

Orson Welles hatte in den deutschen Fassungen seiner Filme keine feste Synchronstimme. Unter anderem wurde er gesprochen von Hans Nielsen (in Citizen Kane), Fritz Tillmann, Martin Hirthe, Peter Pasetti und Walther Süssenguth.

Da zur Zeit der Welles-Filme noch keine IT-Bänder üblich waren, die Hintergrundgeräusche und Musik ohne das Gesprochene enthalten, wurden für die deutschen Synchronisationen völlig neue Tonspuren erstellt. Dabei ignorierten die Toningenieure überwiegend die akustischen Besonderheiten der Welles-Filme, so dass in den deutschen Fassungen gerade das bei Welles besondere geschätzte Zusammenwirken oder auch die gegenläufige Verwendung von Bild und Ton und damit ein wesentlicher Teil der Atmosphäre verloren ging.[26]

Seinen filmischen Nachlass vermachte Welles seiner Lebensgefährtin Oja Kodar. Seit Anfang der 1990er Jahre widmet sie sich dem Erhalt seines Werks, um es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 1994 entstand mit ihrer Unterstützung die Dokumentation Orson Welles: The One-Man Band (etwa: Die Ein-Mann-Band, eine Anspielung auf Welles’ vielfältige Tätigkeiten und gleichzeitig Titel eines seiner Kurzfilme), die auch zuvor unveröffentlichtes Filmmaterial enthält. Bezeichnenderweise gibt es aufgrund von Rechtsstreitigkeiten auch von dieser Dokumentation verschiedene Versionen.[25]

1996 übergab Oja Kodar den filmischen Nachlass von Welles an das Filmmuseum München, das die Fragmente der unvollendeten Filme restauriert und seit 1999 Konferenzen und Retrospektiven zum Werk von Orson Welles organisiert.[27]

„Ein Filmregisseur sollte sehr intelligent sein, aber möglichst kein Intellektueller – denn der Intellektuelle ist der Todfeind aller Darstellenden Künste.“[28]

Live-Konzerte von Manowar beginnen noch heute mit der von Welles gesprochenen Textpassage: „Ladies and gentlemen, from the United States of America, all hail Manowar!“[32]

Der von David Fincher inszenierte Film Mank (2020) fokussierte auf die Streitigkeiten zwischen Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz und Welles in Bezug auf das Drehbuch von Citizen Kane. In der Rolle von Welles ist der britische Schauspieler Tom Burke zu sehen, Mankiewicz wird von Gary Oldman gespielt.

Orson Welles (März 1937)

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Geburtshaus von Orson Welles in Kenosha (2013)
Welles (links) bei Vorbereitungen für eine Inszenierung des Federal Theatre Project von Doctor Faustus (um 1936)
Welles in den Niederlanden (1948)