Marcus Terentius Varro

Marcus Terentius Varro (* 116 v. Chr. in Reate im Sabinerland, heute Rieti; † 27 v. Chr.) war der bedeutendste römische Polyhistor. Zur Unterscheidung von dem Dichter Publius Terentius Varro wird er oft nach seiner Herkunft als „Reatinus“ bezeichnet. Sein außerordentlich umfangreiches Werk war für die nachfolgenden Generationen eine Fundgrube kulturhistorischer Kenntnisse und hatte insbesondere auf die Kultur des augusteischen Zeitalters eine prägende Wirkung. Noch in der Spätantike war Varro eine bedeutende Autorität; auch Kirchenväter lasen und zitierten seine Werke. Heute ist nur noch ein kleiner Bruchteil seiner Schriften erhalten.

Varros Eltern sind unbekannt; wahrscheinlich entstammte er einer ritterlichen Familie. Sein Urahn war vermutlich der Konsul Gaius Terentius Varro. Reate ist als seine Heimatstadt erst in einem Brief des spätantiken Gelehrten und Politikers Quintus Aurelius Symmachus ausdrücklich bezeugt. Augustinus gibt irrtümlich Rom als Geburtsstadt und Wohnsitz in der Zeit der Kindheit an. Aus den Schriften Varros ist ersichtlich, dass er zu Reate, das er oft erwähnt und wo er ein Gut besaß, und zum Sabinerland eine enge Beziehung hatte; daher ist seine dortige Herkunft plausibel.[1]

Varro studierte in Rom und Athen. Zu seinen Lehrern gehörten der Grammatiker und Literaturhistoriker Lucius Aelius Stilo, bei dem auch Cicero studierte, und der Platoniker Antiochos von Askalon, an dessen Unterricht Varro wohl um 84/82 in Athen teilnahm. Mit Cicero war er eng befreundet; vermutlich war er ein Verwandter von dessen Frau Terentia.

Schon früh begann Varro seine Laufbahn im Staatsdienst. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre war er triumvir capitalis, frühestens im Jahr 86 Quaestor. Er bekleidete das Tribunat (frühestens 70), die kurulische Ädilität und (wahrscheinlich 68) die Praetur. Im Jahr 67 war er Legat seines Freundes Pompeius im Seeräuberkrieg, wofür er mit der Corona navalis ausgezeichnet wurde.[2] In derselben Stellung kommandierte er 49 in Spanien, musste sich aber nach der Kapitulation von Ilerda Caesar ergeben. Obwohl er sich hierauf aufs Neue Pompeius anschloss, wurde er nach der Schlacht von Pharsalos von Caesar begnadigt und kehrte im Jahr 46 nach Rom zurück. Dort beauftragte ihn Caesar mit der Errichtung einer öffentlichen Bibliothek, doch fiel dieses Projekt den Wirren nach Caesars Tod zum Opfer. Nach Caesars Ermordung wurde Varro 43 von Marcus Antonius geächtet und entging nur mit knapper Not dem Tod. Von Oktavian begnadigt, lebte Varro – bis an sein Ende im Jahr 27 literarisch tätig – auf seinem Landgut in den sabinischen Bergen.

Plinius der Ältere berichtet, dass Varro auf seinen Wunsch in einem tönernen Sarg beigesetzt wurde, und zwar „nach pythagoreischer Sitte“ gebettet auf Blätter von Myrten, Ölbäumen und schwarzen Pappeln.[3] Diese testamentarische Verfügung Varros zeigt seine enge Beziehung zum römischen Neupythagoreismus, die auch aus einer Reihe von Äußerungen in seinen Werken hervorgeht.[4]

Im Gegensatz zu dem hundert Jahre älteren Cato behandelt Varro das Thema eher theoretisch: Der Gutsherr bewirtschaftet sein Land nicht mehr selbst, sondern kontrolliert eher seinen Verwalter. Unter anderem berechnet Varro genau die Arbeitskraft der notwendigen Sklaven. Er empfiehlt, Landhäuser entfernt von Sümpfen anzulegen, in denen animalia quaedam minuta, quae non possunt oculi consequi (= kleine Tierchen, welche die Augen nicht erspähen können) leben, die, durch Mund und Nase aufgenommen, schwere Krankheiten hervorrufen können.[5]

Von Varro stammt die Berechnung des Jahres der (legendären) Gründung der Stadt Rom, des natalis urbis (Geburtstag der Stadt Rom). Auf dieses Jahr bezieht sich mit der Formel ab urbe condita („varronische“ Zählung genannt) die Jahresangabe. Varro ging – wie viele seiner Zeitgenossen – von einem spekulativ erschlossenen Zeitpunkt der Eroberung Trojas durch die Griechen aus, der nach unserer Zählung in das Jahr 1193 v. Chr. fällt. Nach seinen eigenen Angaben gelangte er durch die Einführung einer symbolischen Zahl zum Jahr der Stadtgründung: 440 Jahre galten ihm als Abstand zwischen Tod und Wiedergeburt eines Individuums in der Seelenwanderung. Dafür berief er sich auf Astrologen, die Geburtshoroskope stellten. Diese Annahme übertrug er auf Städte. Da er Rom nach dem Aeneasmythos als Wiedergeburt des heldenhaften Troia ansah, errechnete er für die Gründung das Jahr 753 vor Beginn der heute verwendeten Zeitrechnung. Allerdings begann sich die Jahreszählung mit dem Bezugspunkt der Stadtgründung erst in der Spätantike durchzusetzen. Man zählte, auch in der Kaiserzeit, weiterhin die Jahre nach den Konsuln. Außerdem war Varros Berechnung umstritten, wie Cicero feststellte.[6]

Der Kirchenvater Augustinus griff in seinem Werk De civitate Dei (Über den Gottesstaat) so oft auf Varros Antiquitates rerum humanarum et divinarum zurück, dass sie von der modernen Philologie aus seinen Zitaten teilweise rekonstruiert werden konnten. In diesen Zitaten aus Varros Werk findet sich auch der älteste überlieferte Beleg für den Begriff „Natürliche Theologie“. Ob er der erste war, der den Begriff theologia naturalis benutzt hat, lässt sich nicht sagen. Aber der Begriff ist dank der Überlieferung durch Augustinus geschichtsmächtig geworden.

Varro stützt sich auf stoische Quellen. Er unterscheidet zwischen der von Dichtern geschaffenen mythischen Theologie (genus mythicon), der Theologie der Philosophen (genus physicon) und der Auffassung von den Göttern, die im Rahmen der Staatsreligion vorausgesetzt wird (genus civile). Die Dichterfabeln lehnt Varro ab; er meint, dass ihnen nur das törichte Volk anhänge. Die philosophische Theologie hält er – trotz seiner Missbilligung der philosophischen Meinungsverschiedenheiten über die Natur der Götter – für wertvoll. Er befürwortet die Ausübung der traditionellen Staatsreligion und meint, dass sie den Bedürfnissen des Volkes angemessen sei, während vieles in der philosophischen Theologie über die Fassungskraft des Volkes hinausgehe. Nach seiner Ansicht wurde die ursprünglich reine Gottesverehrung der römischen Religion durch den Einfluss der Dichter verdorben. Damit stellt sich Varro in die Tradition der seit Platon gängigen Kritik am Umgang der Dichter mit der Religion.[7] Als Vorbild altrömischer Frömmigkeit hebt Varro den sagenhaften, hochverehrten Friedenskönig Numa Pompilius hervor. Numas Name wurde in Rom mit dem von Varro sehr geschätzten Pythagoreismus assoziiert, wenn auch Gebildete wie Cicero und Livius darauf hinwiesen, dass Numa nicht, wie die Legende behauptete, ein Schüler des Pythagoras gewesen sein konnte.[8] Varro setzt Numa chronologisch korrekt vor Pythagoras.

Varros Gelehrsamkeit umfasste eine Vielzahl von Wissensgebieten, und seiner Produktivität kam kein anderer Römer gleich. Quintilian nannte ihn den „gelehrtesten aller Römer“.[9] Die Gesamtzahl seiner Werke – größtenteils Abhandlungen und Dialoge, aber auch Gedichte – betrug über 70 in mehr als 600 „Büchern“ (Gliederungseinheiten). Vollständig erhalten hat sich davon nur das im 80. Lebensjahr verfasste Lehrbuch über die Landwirtschaft in drei Büchern (Rerum rusticarum libri tres). Dieses Werk sollte seiner Frau Fundania, die sich eine Villa rustica gekauft hatte, als Leitfaden dienen.[10]

Von den 25 Büchern des Werkes De lingua Latina (Über die lateinische Sprache) ist der größte Teil verloren; erhalten sind nur die Bücher 5–10 (lückenhaft) sowie einige Fragmente aus den verlorenen Büchern. Von den 150 Büchern Menippischer Satiren sind fast 600 Fragmente erhalten.

Das restliche Werk ist nur aus Zitaten in Schriften anderer antiker Autoren und aus einer spätantiken Werkliste bekannt. Dazu gehören unter anderem:

Antiquarische Werke:

Sprachwissenschaftliche Werke:

Literaturwissenschaftliche Werke:

Enzyklopädische Werke:

Philosophie:

Die Gattung Varroa Oudemans, 1904 mit der Varroamilbe, welche die Bienenseuche Varroose verursacht, ist nach Marcus Terentius Varro benannt.[13] Auch die Pflanzengattung Varronia P.Browne aus der Familie der Raublattgewächse (Boraginaceae) ist nach ihm benannt.[14]

Gesamtausgaben und Ausgaben mehrerer Werke

Antiquitates rerum divinarum

De lingua Latina

Logistorici

Rerum rusticarum libri tres

Saturae Menippeae

Übersichtsdarstellungen

Einführung

Untersuchungen zu einzelnen Themenbereichen

Marcus Terentius Varro (links), Mittelalterliche Illustration
Eine Seite der ältesten Handschrift von De lingua Latina: Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, Plut. 51.10, fol. 28r (um 1100)