Konstrukt

Ein Konstrukt ist ein nicht empirisch erkennbarer Sachverhalt innerhalb einer wissenschaftlichen Theorie. Konstrukte sind somit gedanklicher bzw. theoretischer Natur. Das bedeutet nicht, dass der betreffende Sachverhalt nicht „existiert“, sondern nur, dass er aus anderen, messbaren Sachverhalten (Indikatoren) erschlossen wird. Daher spricht man auch von latenten Konstrukten (oder latenten Variablen, siehe auch Latentes Variablenmodell). Der Prozess des „Erschließens“ heißt Operationalisierung.

Beispiel: das Konstrukt Intelligenz entzieht sich einer direkten Beobachtbarkeit, kann aber über Indikatoren wie Leistungen in Intelligenztestaufgaben gemessen werden.

Der Begriff Konstrukt ist eng verwandt mit dem Begriff Konzept. Das Konzept betont stärker, dass es sich um einen wissenschaftlichen oder theoretischen Begriff handelt, während bei dem Konstrukt die Betonung auf der Nicht-Beobachtbarkeit liegt.

Konstrukte können auf verschiedene Arten definiert werden[1]

Der Unterschied zwischen Nominal- und Realdefinitionen wird hier näher erklärt. Carl Gustav Hempel hat darauf hingewiesen, dass unter dem Begriff Realdefinition drei verschiedene Klassen von Fällen verstanden werden können: „die Nominaldefinition, die Bedeutungsanalyse oder die empirische Analyse.“[1]

Theo Herrmann unterscheidet Konstrukte erster Art, deren Extension und Intension vollständig empirisch bekannt sind, von Konstrukten zweiter Art, deren Intension unbestimmt und deren Extension größer ist, als beobachtet wurde bzw. werden kann (sog. „Bedeutungsüberschuss“).[4]

Konstrukte erster Art sind lediglich Sammelbegriffe, um nicht alle Mitglieder einer Kategorie aufzählen zu müssen. Konstrukte zweiter Art erlauben die Extrapolation auf nicht-beobachtete Sachverhalte, zum Beispiel von der Gegenwart auf die Zukunft oder von einer Stichprobe auf ihre Grundgesamtheit.

Beispiel für ein Konstrukt erster Art:

Beispiel für ein Konstrukt zweiter Art:

Nach dem Soziologen Hanns Wienold sind theoretische Konstrukte Begriffe, die geeignet sind, Beobachtetes aufeinander zu beziehen, ohne dass sie unmittelbar aus beobachteten Sachverhalten erschlossen werden. Im Gegensatz zur „strikt empirischen Wissenschaftskonzeption“ stehend finden theoretische Konstrukte in neueren Wissenschaften Anerkennung als „sinnvolle Bestandteile wissenschaftlicher Theorien“.[6]

In der Psychologie wurde der Konstruktbegriff vor allem von Lee Cronbach und Paul E. Meehl im Kontext der Validitäts­prüfung untersucht.[7] Verschiedene Konstrukte und deren Beziehung zueinander bilden demnach ein nomologisches Netzwerk im Sinne einer wissenschaftlichen Theorie, welche empirisch zu überprüfen ist. Wenn beispielsweise für einen neuentwickelten psychologischen Test theoretisch angenommen wird, dass jener ein neues Konstrukt (z. B. Emotionale Intelligenz) erfasst, welches unabhängig von bestehenden Konstrukten (z. B. kognitive Intelligenz) sein soll, dann bilden die beiden Konstrukte ein nomologisches Netzwerk. Dieses Netzwerk, d. h. die theoretisch angenommenen Bezüge zwischen den Konstrukten, ist dann empirisch zu überprüfen (z. B. mittels konfirmatorischer Faktorenanalyse). Sollte sich empirisch zeigen, dass die theoretischen Annahmen in dem nomologischen Netzwerk nicht zutreffend sind, dann kann unter anderem die Theorie verändert, die Operationalisierung des Konstrukts angepasst oder das Konstrukt notfalls auch ganz aufgegeben werden. Im Beispiel würde dies bedeuten, dass wenn sich empirisch die Unabhängigkeit der Emotionalen Intelligenz von der kognitiven Intelligenz nicht nachweisen ließe, auf ein eigenständiges Konstrukt Emotionale Intelligenz verzichtet werden sollte (siehe Ockhams Rasiermesser/Sparsamkeitsprinzip). Konstrukte sind somit wichtige Bestandteile zur Theoriebeschreibung und -überprüfung.