Brehms Tierleben

Brehms Tierleben ist ein zoologisches Nachschlagewerk, das durch den Sachbuchautor Alfred Brehm begründet wurde und maßgeblich zur Popularisierung von Wissen seit dem 19. Jahrhundert beitrug.

Alfred Brehm schrieb als freier Schriftsteller Aufsätze und Reiseberichte für populärwissenschaftliche Zeitschriften über zoologische Themen, die er ab 1863 auch in Form einzelner Lieferungen mit einem Umfang von jeweils etwa 48 Seiten beim Bibliographischen Institut veröffentlichte.[1] Der Erfolg brachte ihm 1860 einen Vertrag für eine zehnbändige zoologische Enzyklopädie ein. Die Arbeit daran wurde durch Reisen nach Abessinien, Skandinavien und Sibirien unterbrochen, aber auch bereichert. Die ersten sechs Bände des Illustrirten Thierlebens erschienen 1863–1869 im Bibliographischen Institut (Hildburghausen) unter dem Verleger Herrmann Julius Meyer. Sie fanden in weiten Kreisen, vom Bildungsbürgertum bis in die Arbeiterschaft, großen Anklang.[2]

Ab der zweiten Auflage (zehn Bände 1876–1879, neu gedruckt 1882–1887) hieß das Werk Brehms Thierleben. Brehm selbst hatte die sechs Bände über die Wirbeltiere verfasst und einen der später erschienenen Bände. Das Werk machte den Autor weltweit bekannt und ist bis heute ein Begriff, auch wenn die Forschung inzwischen weit über Brehms Wissen hinausgegangen ist. Die größte Veränderung in der zweiten Auflage waren wohl die neuen Illustrationen von Gustav Mützel (1839–1893) und Eduard Oscar Schmidt (Entomologe, 1823–1886), von denen Charles Darwin äußerte, sie seien die besten, die er je in einem Werk gesehen habe. Zur Beliebtheit der Tierleben-Bände trugen die Illustrationen erheblich bei, deren spezieller Stil von Robert Kretschmer (1818–1872) geprägt wurde und die die zoologische Fachliteratur sehr beeinflussten. Unter den Illustratoren späterer Jahrgänge gelangte Friedrich Wilhelm Kuhnert (1865–1926) als „Löwen-Kuhnert“ zu Bekanntheit.

Die dritte Auflage folgte 1890–1893. Herausgeber war Eduard Pechuel-Loesche. Der Text wurde von verschiedenen Wissenschaftlern bearbeitet, ohne dass zu starke Eingriffe erfolgten. Diese Auflage gilt als der letzte „echte“ Brehm. Sie wurde vom Bibliographischen Institut Leipzig in mehrere Sprachen übersetzt und unter anderem von dem 1896 in St. Petersburg gegründeten Verlag Proswestschenie (Aufklärung) vertrieben.[3] Neben den großen Ausgaben erschienen auch Tafelwerke sowie Volks- und Schulausgaben (1868/70. 1873/74, 1879, 1883, 1892/93)

Auch im 20. Jahrhundert erlebte das Werk weitere Auflagen, in die auch zunehmend Farbtafeln integriert wurden. Die Auflagen wurden meist mehrfach nachgedruckt und erschienen in unterschiedlichen Ausstattungen, beispielsweise mit Rückenvignetten und Rückengoldprägungen, als großformatige Halblederbände oder im Leineneinband. Eine von Otto Evers bearbeitete zweite Originalausgabe erschien 1927 im Uhlenhorst Verlag, Curt Brenner, Hamburg.

Die 4. Auflage umfasste dreizehn Bände und wurde von Otto zur Strassen herausgegeben (Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut 1911–1918). Es erschienen bis Ende der 1920er Jahre mehrere Nachdrucke. Der Text war dabei grundlegend wissenschaftlich bearbeitet, ergänzt und erweitert worden, da eine Anpassung an zeitgenössische Erkenntnisse und Lehre notwendig schien. Dabei wich er so deutlich von der Brehmschen Tierlehre ab (Gefühlswelt, Seelenleben), dass manche späteren Herausgeber mit Bedacht auf die vorangegangenen Auflagen zurückgriffen.

Gliederung (man beachte die aufsteigende Anordnung der Tierstämme usw. gegenüber der ursprünglichen absteigenden):

Während des Zweiten Weltkriegs erschienen gekürzte Volks- und Schulausgaben sowie eine von Walter Rammner völlig neu bearbeitete Auflage in vier Bänden (1942) und eine mehrbändige Feldpostausgabe, von der jedoch nur noch der erste Band erschien (1945).[4]

Ab etwa 1950 erschienen viele einbändige Bearbeitungen mit den „beliebtesten“ Tieren und Originalzeichnungen. 1953 gab Adolf Meyer-Abich für den Hamburger Germany Standard Verlag eine Neuausgabe von Brehms Tierleben in zwölf Bänden mit 55 Farbdrucktafeln und etwa 360 Zeichnungen heraus, die auf der zweiten und letzten Originalausgabe basierte.

1981 veröffentlichte Theo Jahn für den Prisma-Verlag, Gütersloh, die großformatige Brehms Neue Tierenzyklopädie in zwölf Bänden mit rund 5.000 farbigen Großfotos; die Texte basieren auf der zweiten, überarbeiteten Auflage von Brehms Tierleben. Je vier Bände sind den Säugetieren und den Vögeln gewidmet, je einer den Reptilien, Amphibien, Fischen und Wirbellosen.

Ein Auswahlband von Roger Willemsen erschien 2006 mit Zeichnungen von Klaus Ensikat.

Als der Brehm-Verlag in Konkurs ging, erwarb der A. Ziemsen Verlag in Wittenberg aus der Konkursmasse die Verlagsrechte für die „Brehm-Bücherei“ und begründete „Die Neue Brehm-Bücherei“ (NBB). Die Verlagsleiterin Charlotte Grunert (1904–1967) gewann den naturkundlich engagierten Pastor und Ornithologen Otto Kleinschmidt dafür, die NBB herauszugeben.[5] 1948 erschienen die ersten Bände.[6] Kleinschmidt griff Alfred Brehms volksbildnerisches Anliegen auf. Es achtete als Herausgeber darauf, dass die Verfasser der einzelnen Bände anschaulich und allgemeinverständlich schrieben und dass diese mit vielen Bildern illustriert waren. Allmählich wuchs die Reihe zu einer immer stärker wissenschaftlich orientierten Monographienserie heran. Zielgruppe waren nicht mehr nur Laien und Hobby-Biologen, sondern auch Studenten und Wissenschaftler. 1989 erschien der 600ste Band der Reihe.[7] 1992 ging die Buchreihe in den Besitz der Westarp Wissenschaften-Verlagsgesellschaft mbH (Hohenwarsleben bei Magdeburg) über.

Der Berliner Verlag Directmedia Publishing digitalisierte für die Reihe Digitale Bibliothek die kolorierte Ausgabe der zweiten, umgearbeiteten und vermehrten Auflage in zehn Bänden von 1876–1879 und veröffentlichte den gesamten Text- und Bildbestand auf CD-ROM (Band 76).

2007 erschien bei Zweitausendeins der Band Brehms verlorenes Tierleben von Hanna Zeckau und Carsten Aermes, welcher 196 zwischenzeitlich ausgestorbene Vögel und Säugetiere in Diktion Brehms und anderer zeitgenössischer Zoologen beschreibt und um den biologischen Kenntnisstand zum Veröffentlichungszeitpunkt ergänzt, die Brehm vor nicht ganz 150 Jahren noch als vorkommend geschildert hatte. Die Autoren fertigten die Illustrationen überwiegend anhand von Originalpräparaten.[8]

Illustration von Fedor Flinzer aus Brehms Thierleben (1886)
Wellensittich, Abbildung aus der 2. Auflage
Xenopus laevis Glatter Spornfrosch, Abbildung aus Brehms Tierleben, Bd. 4 (1), 1920