Benutzer:Freedom Wizard/Sozialstruktur der Wikipedia

Die Sozialstruktur der Wikipedia beschreibt die Kooperation und Teilnahme von Menschen am Projekt Wikipedia durch jene die Erschaffung der freien Online-Enzyklopädie erst ermöglicht wird. Hierbei spielen Motivationen und Soziale Positionen innerhalb der Gemeinschaft eine bedeutende Rolle, die die Einbringung in das Projekt bestimmen und dadurch auch die Entwicklung und Verbesserung der Wikipedia. Weiters beschreibt sie wie die Aktiven, die sogenannten Wikipedianer, sich untereinander verhalten, wie sich die zentralen Positionen verteilen und wie soziale Räume entstehen und gefördert werden. [1][2]

Die Artikel der Online-Enzyklopädie Wikipedia werden von einer weltweiten Autorengemeinschaft gemeinsam und ehrenamtlich erstellt und verbessert. Hierbei hat jeder Mensch die Möglichkeit auch Artikel zu schreiben und zu bearbeiten, sogar formal anonym. Von Diskussionen begleitet, bleibt schließlich das, was von der Gemeinschaft akzeptiert wird. Bisher haben international etwa 1.016.000 angemeldete (Stand: 31. Oktober 2009) und eine unbekannte Zahl nicht angemeldeter Nutzer zur Wikipedia beigetragen. Mehr als 6700 Autoren (Stand: 31. Oktober 2009) arbeiten regelmäßig bei der deutschsprachigen Ausgabe mit. [3]

In der Online-Enzyklopädie kann sich prinzipiell jeder beteiligen. Es gibt keine Einschränkungen wie Alter und keine Aufnahmebedingungen. So sind bis heute 4.003.860 Accounts in der deutschsprachigen Wikipedia erstellt worden. Tatsächlich trügt diese Zahl, denn nicht jeder von den angemeldeten Benutzern arbeitet auch wirklich mit. Auch kann man nicht sagen, wieviele Personen dahinter stehen, weil Mehrfachanmeldungen, so genannte Sockenpuppen möglich sind. Zudem kommt, dass es viele Menschen gibt, die unangemeldet als IP editieren. Die Zahl der hinzugekommen Teilnehmer hat sich in der letzten Zeit minimiert. [4][5]

Wenn man sich die Anzahl der Bearbeitungen und die Anzahl der aktiven Tagen von Benutzern in der Wikipedia ansieht kann man deutlich einen inneren Kern erkennen. Diese Positionen bilden die Hauptstützen des Projekts und kümmern sich um die Organisation und die Pflegung. Dazu gehört unter anderem das Begrüssen und Betreuen neuer Benutzer im Rahmen des Mentorenprogrammes oder das Filtern neuer Beiträge beziehungsweise Verbessern von bestehenden Artikeln, die den Grundprinzipien nicht entsprechen. So gibt es etwa 7000 Autoren, die regelmäßig aktiv sind und einen sehr aktiven Kern von etwa 1000 Benutzern, die beinahe jeden Tag bis zu mehreren Stunden in der Wikipedia verbringen. [3]

Wodurch werden Menschen aber dazu motiviert am Projekt teil zu haben? Befragungen nach Motiven und Einstellungen sind meist heikle Angelegenheiten, die keine korrekten Ergebnissen einbringen, dennoch sind manche Beweggründe bestimmbar. Da die Arbeit in Wikipedia ehrenamtlich ist spielt Geld keine Rolle. Oft wird solch ein Engagement gar nicht als richtige Arbeit angesehen, es ist viel mehr eine Tätigkeit, die Spaß macht und eine Möglichkeit sympathische Menschen zu treffen. Eine weitere Rolle spielt der Lernerfolg, konkreter für Wikipedia: zum Beispiel programmieren, wissenschaftliches Arbeiten, Recherchen oder Sprachverbesserungen. In diesem Zusammenhang steht auch der persönliche Nutzen. Allerdings ist das Motiv des Eigennutzes um Vorteile in beruflicher Hinsicht zu erlangen fragwürdig, da nach Umfragen manche Benutzer ihre Karriereplanung sogar zurückgestellt haben um das Engagement in Wikipedia aufrechtzuerhalten. Bei Befragungen von 27 Wikipedianern von Benjamin Keith Johnson im Jahr 2007 waren die Haupttriebe persönliche Befriedigung und die Identifikation mit den Werten und Zielen des Projekts. [6][7]

Dennoch gibt es nach Christian Stegbauer eine Lücke im kollektiven Handeln von Wikipedia. Laut ihm ist es sehr schwer das Handeln der Autoren aus der Sicht individualistischer Handlungstheorien der rationalen Wahl zu erklären. Dabei spielt die enorme Größe der Gruppe sowie das Trittbrettfahrerproblem eine Rolle, die das Kollektivgut aus unwahrscheinlich bis unmöglich erscheinen lassen. Reputations- und Aufmerksamkeitsgewinne können als Motivation verworfen werden, weil die meisten Benutzer unter einem Pseudonym arbeiten und auch wenn man mit Klarnamen editiert, ist dieser nicht sofort sichtbar, sondern erst über die Versionsgeschichte eines Artikels. Deshalb versucht er die Motivation beim Projekt zu verweilen mit Positionen und Rollen zu deuten. „Teilnehmer werden nicht nur durch ihre individuelle Motivation, sondern durch Schaffung eines sozialen Kontextes und ihre Positionierung innerhalb dessen in die Mitarbeit eingebunden, die in Form der Bearbeitung von Teilen der Enzyklopädie sichtbar wird.“ [8]Innerhalb der gleichen Positionen findet ein Wettbewerb statt, der erst die eigentliche Motivation hervorruft. [9][10]

Wer sind die Wikipedianer? Jedem Benutzer wird eine eigene Benutzerseite inklusive Diskussionsseite zugesprochen, wo er sich und seine Mitarbeit an Wikipedia darstellen kann. Manche Leute schreiben darin Kurzbiographien, andere führen eine Liste der Artikel, an denen sie mitgearbeitet haben, notieren dort ihre Gedanken zur Wikipedia oder kopieren dort nützliche Vorlagen hinein und benutzen sie so als eine Art Werkzeugkiste. Die Wikipedia ist jedoch kein Provider für Homepages oder Webspace: Benutzerseiten stehen im Dienst der Enzyklopädieerstellung. Ergänzend beeinflusst die Selbstdarstellung auch das Diskussionsverhalten anderer: Manche nehmen vielleicht einen 14-jährigen Schüler nicht ernst, egal wie kompetent er in einem Gebiet sein mag, andere trauen sich vielleicht nicht, einem Professor zu widersprechen, auch wenn er sich einmal irrt. Was und wie viel Wikipedia-Autoren über sich erzählen ist sehr unterschiedlich. Eine weitere Möglichkeit stellen so genannte Babel-Boxen dar, die ursprünglich eingeführt wurden um über Sprachkenntnisse zu informieren. Heutzutage gibt es auch Boxen über die Herkunft, Hobbies, politische und weltanschauliche Präferenzen, Bildung oder interne Position. Auf den Benutzerdiskussionsseiten hat man die Möglichkeit den Benutzer anzusprechen und mit ihm über alle möglichen Themen zu diskutieren. Weitere Möglichkeiten bieten Unterseiten, also eine Ergänzung zu einer Benutzerseite. Die Summe aus allen Unterseiten und Benutzerseite nennt man Benutzerraum. [11]

Die Nichtpräsenz des Binnen-Is oder anderen geschlechterspezifischen Kennungen zeugt nicht von einer großen Frauen-Beteiligung. In der Tat sind nach Umfragen bis zu 90 Prozent der Mitarbeiter Männer wie Ergebnisse vom Psychologischen Institut der Universität Würzburg im Frühjahr 2005 besagen. Weiters sind 51 Prozent Singles, 27 Prozent in einer festen Beziehung und 15 Prozent verheiratet. Die Befragung ergab außerdem, dass 42,5 Prozent Vollzeitarbeiter, 25,5 Prozent Studenten, 10,4 Prozent Teilzeitarbeiter, 9,4 Prozent im Ruhestand, 6,6 Prozent Schüler und 4,7 Prozent arbeitslos sind. Das Durchschnittsalter bewegt sich um 30 Jahre, daher sind die meisten Wikipedianer unter 30. Mit steigenden Alter nimmt die Beteiligung aber insgesamt ab, so ist zwar die Gruppe der 30- bis 50-Jährigen noch relevant, fällt die Rate zwischen 50- und 50-Jährigen schon wesentlich niedriger aus. Autoren über 60 sind zwar präsent, aber eher die Ausnahme. [12] Die größte Dichte an Wikipedianer weisen Großstädte auf, die Spitzenstadtstaaten in der deutschsprachigen Wikipedia zum Beispiel sind Berlin, Hamburg und Bremen. Im Zusammenhang dazu steht auch die Ausbildung und Wissensgebiete. Das Arbeitsklima in der Wikipedia wird stark von Akademikern bestimmt, hier wiederum vor allem Naturwissenschaftler, gefolgt von Informatikern. Die Wikipedianer sind fast ausschließlich weißer Hautfarbe. Benutzer mit Migrationshintergrund sind zwar nicht so leicht auszumachen, treten dennoch oft bei gesellschaftlich oder politisch umstrittenen Themen, wie Beiträge zum Islam oder der Türkei auf. Solche Mitarbeiter sind oft auch international orientiert und sind daher in mehreren Sprachausgaben der Wikipedia aktiv. Zusammenfassend kann man also sagen, dass der Durchschnitts-Wikipedianer weiß, männlich mit einem akademischen Bildungshintergrund (hier eher technisch-pragmatisch als geisteswissenschaftlich), Singel und zwischen 25 und 30 jahren alt ist. [13]

In Wikipedia ist keiner ausgeschlossen. So können auch Personen mit eher unkonventionellen Biografien mitmachen, auch jene die physische oder psychische Störungen haben oder bereits in Haft waren. [14]

Nicht jeder Benutzer ist gleich einem anderem. Unabhängig von Interessen, die sich auf die Artikelarbeit auswirken, gibt es verschiedene Benutzergruppen, die unterschiedliche Rechte besitzen, die in der Graphik rechts dargestellt werden. In der Regel gilt, je höher die Position in der Graphik, desto mehr Rechte besitzt man. Allerdings sinkt die Anzahl der Benutzer mit erweiterten Rechten je höher die Rolle ist. So gibt es zum Beispiel heute nur sechs Bürokraten, aber 187 Administratoren. Prinzipiell durchlauft man bei ausreichender Aktivität alle Stufen bis zum Sichter. Admins, das Schiedsgericht, Bürokraten, Checkuser, Oversighter und Stewards werden erst durch Wahlen bestimmt und sind eher limitiert. Die wichtigsten Benutzergruppen werden kurz vorgestellt. [15]

Damit ein so großes System funktionieren kann muss die Arbeit entsprechend aufgeteilt werden. Die im Folgenden dargestellten Typen von Wikipedianern kommen selbstverständlich nicht in Reinform vor, sondern in der Realität übernimmt jeder Wikipedianer eine Vielzahl von Aufgaben, jedoch nicht alle und auch nicht in gleichem Ausmaß. Hierzu kann man bestimmte Positionen festmachen, die freiwillig verteilt werden; jeder hat die Wahl was er tun möchte, allerdings muss sein Handeln in dieser Position auch korrekt sein, ansonsten wird er von den anderen in der gleichen Position vermutlich vertrieben. [20][21]

In der Online-Enzyklopädie Wikipedia gibt es nicht nur Benutzer, die sie erfolgreich machen wollen, es gibt auch eine Reihe von Personen, die dieses Medium ausnutzen oder einfach beschädigen wollen. Hierzu zählen drei Gruppen: Propagandisten, Trolle und Vandalen. [22]

Wie bereits beschreiben gleicht nicht jeder Wikipedianer einem anderem. Nicht jeder Benutzer ist gleich einem anderem. In der Wikipedia gibt es verschiedene Rollen, von einer einflusslosen Peripherie bis zu den zentralen Positionen in Wikipedia. Hierbei wird es immer schwieriger in Letztere vorzustossen, trotz der dauerhaft wachsenden Organisation. Als zentrale Positionen werden in der Wikipedia hauptsächlich Administratoren definiert, die erweiterte Rechte besitzen und zudem meistens zu den aktivisten Wikipedianern zählen. Analysen offenbarten nämlich, dass etwa 85 Prozent dieser zentralen Positionen von Benutzern besetzt sind, die sich vor Oktober 2005 angemeldet haben. Obwohl sich immer mehr Menschen anmelden, scheinen die zentralen Positionen nicht in gleichem Maße ausweitbar wie die Peripherie. Dass kaum mehr jemand in den oberen Kreis vordringt lässt sich theoretisch dadurch argumentieren, dass es eben einige Zeit dauert bis sich die Teilnehmer in verschiedenen Bereichen bewährt haben. Allerdings sind sehr aktive Benutzer meist schon nach etwa einem halben Jahr mit allen Namensräumen sehr vertraut. Es muss also so sein, dass ein Vordringen ohne weiteres heute einfach nicht möglich ist, da die zentralen Positionen besetzt sind. Erst wenn jemand seine Stelle verlässt, sein Amt also niederlegt, ist wieder Platz für einen Neuen. Ohne Vakanz ist es eine durchaus mühame Angelegenheit in die Führungspositionen vorzustossen. [28]

Um doch in die Führerschicht zu gelangen ist eine gewisse Karriere notwendig, die man durch das Durchlaufen in den einzelnen Namensräumen einsehen kann. Prinzipiell sind hier drei von Bedeutung: Artikelnamensraum (ANR), Benutzernamensraum (BNR) und Wikipedia-Namensraum (WNR). Jeder dieser besitzt zusätzlich noch einen Diskussionsraum, was schlussendlich sechs Bereiche ergibt. Der Artikelnamensraum ist der wohl bekannteste, denn hier werden alle Artikel veröffentlicht, die von den Autoren verfasst werden.[29] Jeder angemeldete Benutzer erhält eine Benutzerseite, in der er sich und seine Arbeit vorstellen kann.[30] Letztendlich gibt es noch den Wikipedia-Namensraum, indem die Dokumentation und Organisation des Projektes stattfindet, also Bereich von Benutzern, die sich intensiv mit der Wikipedia beschäftigen.[31] Untersuchungen zeigen, dass etwa die Hälfte der angemeldeten Benutzer überhaupt erst aktiv wird. Die meisten steigen daraufhin im ANR ein, verbessern oder schreiben also Artikel. Danach folgt die Erstellung einer Benutzerseite, begleitet von Diskussionen über Artikel. Schon bald werden Benutzer auf der eigenen oder anderen Benutzer-Diskussionsseiten angesprochen werden. Erst dann und auch nur etwa zehn Prozent neuer Benutzer machen Bearbeitungen im WNR und nur jeder Hunderste diskutiert auch noch die nächsten Schritte. Diese Entwicklung kann man als Prozess der Aufnahme, als Integration in das Projekt betrachten, die aber nicht bei jedem Benutzer erfolgt. Die meisten Teilnehmer wissen gar nicht, dass es verschiedene Namensräume gibt, für sie ist nur der Artikelbereich bedeutend. Diese peripheren Gegenden sind vom Projektkern vollkommen abgeschotten und haben keine Chance in zentrale Positionen zu gelangen. [32]

In einer Enzyklopädie, in der jeder mitarbeiten kann, ist auf Koordination und Organisation angewiesen. Da sich in der Wikipedia eine schwache formelle Organisation befindet, lebt jene von Konventionen und Zuständigkeiten der Teilnehmer, die durch das Zusammenarbeiten entstehen. Aber wo wird diskutiert? Jeder Namensraum hat einen zugehörigen Diskussionsraum, die ebenfalls in der Reiterleiste erreichbar ist und wie jede andere Seite auch bearbeitet werden kann. Diskussionsseiten tragen den Präfix “Diskussion:” und sind der eigentliche Ort für Kommentare. Trotzdem werden die meisten Artikel, mit Ausnahme von kontroversen Themen, ohne Benützung der eigenen Diskussionsseite erstellt und verbessert. Hier reichen offenbar Kurzmitteilungen auf den Benutzerdiskussionsseiten oder ein Blick auf die Versionsgeschichte aus. [33]

Auf Diskussionsseiten haben sich eine Reihe von Konventionen kristallisiert. So ist es üblich seine Beiträge zu signieren in dem man vier Tilden setzt. Damit wird recht streng umgegangen: Vergisst jemand (vor allem ein Neuling) wird die Signatur nachgetragen und er wird ermahnt. Im Gegensatz sollen Edits in Artikeln nicht signiert werden. Ebenfalls sollen neue Themen unter einer eigenen Überschrift aufgeführt werden und es ist gern gesehen wenn man seine Beiträge einrückt um die Übersicht zu verbessern. Anders als in Artikeln sollen Diskussionsbeiträge von anderen Benutzern nicht verändert werden. [34]

Um die Kooperation unter einander festzustellen hat sich Stegbauer damit beschäftigt wie sich Diskussionen auf Artikel auswirken. Es scheint, dass Gespräche um Artikel im Allgemeinen offen sind, allerdings ist ein stabiler Zustand erst erreicht, wenn die Koordination auf einen Benutzer übergelaufen ist. Um überhaupt mitreden zu können muss man zum richtigen Zeitpunkt einsteigen; Diskussionen über ein Thema sind meist nicht lange andauernd, sodass es Beobachtung jener Diskussionsseiten bedarf um rechtzeitig zu reagieren. Weiters werden kaum alle möglichen Positionen benötigt und somit situationsabhängig. Im Streit haben Vermittler nur dann eine Chance, wenn die Auseinandersetzung nicht zu sehr polarisiert ist. Minderheitenstandpunkt haben nur ein geringes Durchsetzungsvermögen, denn sie sind meistens parteiisch und widersprechen so einem Grundgesetzt der Wikipedia, dem Neutralen Standpunkt. [35]

Sobald Diskussionen entstanden sind gibt es zwei Möglichkeiten für die weitere Entwicklung: Die Struktur der Teilnehmer zerfällt, die Diskussion stoppt allmählich und die Teilnehmer entfernen sich. Die andere Option ist, dass sich die Struktur verfestigt und Zuständigkeiten sowie Verantwortung entsteht. Hier bilden sich Rollen, mithilfe derer die weitere Koordination ermöglicht wird. [36]

Die in der Enzyklopädie entstehenden Kontakte werden auch außerhalb des Internets gepflegt, auf sogenannten Stammtischen, die auch so bezeichnet werden wenn ein erstmaliges Treffen vorliegt. Stammtische werden in der Wikipedia angekündigt und sind prinzipiell offen sodass jeder teilnehmen kann um andere Benutzer näher kennenzulernen. Solche Treffen finden meist in monatlichen Turnus in größeren Städten statt; die meisten Treffen sind in Berlin. Die Anteilnahme ist nicht übermäßig groß und wird vor allem von dem inneren Kern, hauptsächlich von den Administratoren geprägt. Insgesamt gab es eine Zunahme der Stammtische in den letzten Jahren, obwohl die Treffen sehr ungleich verteilt sind. [37][38]

In Untersuchungen fand Stegbauer heraus, dass das Engagement in Wikipedia nach dem Besuch eines ersten Treffens in der Regel abnimmt. Grund dafür wird wohl sein, dass es Neulingen nicht immer gelingt in den inneren Kreis aufgenommen zu werden, weil er kaum mitreden kann oder weil die Bindungskapazität der etablierten Teilnehmer bereits erschöpft ist. Bei den anderen Benutzern steigt das Engagement weil sie eben in das Zentrum vorgestossen sind. Stegbauer definiert dies als Positionswechsel, der durch die Integration erfolgt ist. [39]

Wer hat die Macht in Wikipedia? Manche Diskussionen werden zu Konflikten, getrieben von hoher Anspannung und Unfreundlichkeit. Zwar gibt es Richtlinien in Wikipedia (Wikiquette), dass Wikipedianer immer nett sein sollen, dies wird aber oft nicht befolgt, vor allem auf Reaktionen neuer Benutzer. Demokratie und Diktatur scheinen auf virtueller Ebene fremd, sind aber doch präsent. Autoren von der Online-Enzyklopädie geben an, dass die derzeitige Machtstruktur als eine Mischung aus anarchistischen, diktatorischen, demokratischen, mediokratischen, plutokratischen und technokratischen Elementen besteht. [40][41]

Grund für Auseinandersetzungen stellt unter anderem die Bürokratie dar. Da die Detailorganisation in jedem Projekt ziemlich unterschiedlich ausgelegt wurden bedarf es verschiedene Herangehensweisen. Dies betrifft eine Vielzahl von Punkten: die Anzahl der Regeln überhaupt, die Art und Weise wie mit ihnen umgegangen wird und wie man Abweichungen sanktioniert, den Umgang mit Vertrauen, den Zugang zu Entscheidungsbefugnissen und die Teilhabe an Entscheidungsprozessen, welche Detailreglements für Artikel aufgestellt werden oder nicht, welche Arten von Bildlizenzen man erlaubt oder nicht und so weiter. Insgesamt gilt die deutschsprachige Wikipedia als streng und die englischsprachige zum Beispiel als locker. Deshalb werden Neulinge in der deutschsprachigen Ausgabe schnell mit Regelverstössen konfrontiert und Diskussionen handeln mehr um das Einhalten von Regeln als um den Inhalt von Artikeln. [42]

Mit wachsender Organisation entstehen auch mehr Gründe für Streit. Dadurch hat sich die Gemeinschaft der Wikipedia nach und nach in unterschiedliche Fraktionen aufgespalten. Zu den beiden ältesten zählen wohl Exklusionisten und Inklusionisten. Erstere versuchen mit Löschungen qualitativ schlechter beziehungsweise relevanzstrittige Artikel die Qualität der Wikipedia maßgeblich zu steigern, während Letztere diese Artikel eben behalten wollen, weil sie den Prozess der Entwicklung schätzen und keinen Löschgrund erkennen. In der Regel sind erfahrene Benutzer eher Exklusionisten und Neueinsteiger Inklusionisten. Da beide Parteien aber gleichermaßen Einfluss haben spielt dieser Konflikt keine Rolle in der Machtfrage. [43]

Wie bereits beschrieben gibt es unterschiedliche Benutzergruppen. Da die höheren Funktionen (Schiedsgericht, Bürokraten, Checkuser, Oversighter, Stewards) beschränkt sind und großteils von Admins ausgeübt wird kann man die Administratoren selber als die Führerschicht deuten, da diese erweiterte Rechte besitzen, mit denen sie theoretisch Benutzer einfach sperren können um Diskussionen zu beenden. Admins werden zwar gewählt, allerdings beteiligen sich deutlich mehr Administratoren daran als nur stimmberechtigte Benutzer. Dies weist daraufhin, dass die Führerschicht ihre Mitglieder selbst wählt. [44] Weiters herrscht in diesem Kreis eine hohe Stabilität, da Admins in vielen Projekten Lebenszeit gewählt werden. Es ist jedoch möglich eine Wiederwahl einzuleiten, sollten sich ausreichend Beführworter finden. In der niederländischen Wikipedia müssen sich Admins zum Beispiel jedes Jahr einer Wiederwahl stellen. [45][46]

Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten Benutzer zu sperren: Sofort durch einen Admin oder nach einem Benutzersperrverfahren, indem die Community entscheidet. Allerdings wird Letzteres nur in Konflikten mit bereits etablierten Benutzern angewendet und hat so kaum eine Gewichtung. Im Hinblick auf Vandalismus muss oft schnell eine Entscheidung getroffen werden um weitere Beschädigungen eines Benutzers zu verhindern. Hier bedarf es keiner Abstimmung, sondern einer Handlung durch eines Admins. Auch ist die Aufstellung eines Sperrverfahrens meist mühsam, da viel vorbereitet werden muss. Schlussendlich haben zwar Admins mehr Rechte, verwenden diesen in der Regel aber nicht um anderen zu schaden, sie handeln vielmehr nach den Richtlinien, die jedoch oft (vor allem für Neulinge) durch bürokratische Hürden nicht sinnvoll klingen. [47]

Wie stehen die Wikipedianer zur Wikipedia? Im Laufe der Zeit ändert sich die Einstellung der Aktivisten durch organisatorische und von außen auferlegte Zwänge. Hierbei handelt es sich also um einen Wandel von einer Aufklärungsideologie hin zu einer Produktideologie. Ersteres schließt ein, dass jeder sich beteiligen kann und das Wissen der Menschheit ohne obligatorische Pflichten gesammelt wird. Letztere geht davon aus im Wettkampf mit anderen Enzyklopädien zu treten und Wikipedia zu einem qualitativ besten Nachschlagewerk zu machen. In diesem Kontext steht auch die Entwicklung eines Benutzers, der sich von der Peripherie in das Zentrum bewegt. Je näher er dem inneren Kreis kommt, desto stärker wird seine Meinung von der Produktideologie geprägt. [48]

Schließlich gibt es auch eine Reihe von Benutzern, die von der Wikipedia-Ideologie entäuscht wurden und daher inaktiv wurden. Stegbauer überprüfte verschiedene Teilnehmerseiten auf einen Ideologiewandel hin und kam zu der Erkenntnis, das es zwei Gründe für Enttäuschungen gibt: Schlechte Qualität und Versagen des Offenheitsprinzips. Ersteres wird durch Unzufriedenheit hinsichtlich der Qualität beschrieben sowie, dass gute Autoren vergrault werden. Letztere meint, dass die vom Projekt deklarierte Offenheit nicht existiert, dass nicht mehr jeder mitschreiben kann und dass die Führungsschicht die Zügel in der Hand hält und machen darf was sie will. [49]

Weiters kann man nach Stegbauer sechs Typen von Entäuschten unterscheiden: Aussteiger, Kämpfer, Verdränger, Anpasser, Erleuchtete und Motivierte.

Demnach gehören Entäuschungen eher zu den peripheren Gegenden, da die Kommunikation der Integrierten Benutzer viel dichter ist und dadurch die Handlungen maßgeblich beeinflusst werden. [50]

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