Autorität

Autorität (lateinisch auctoritas) ist im weitesten Sinne das Ansehen, das einer Institution oder Person zugeschrieben wird und bewirken kann, dass sich andere Menschen in ihrem Denken und Handeln nach ihr richten. Sie entsteht in gesellschaftlichen Prozessen durch Vereinbarungen (Ernennung, Mandat) oder faktische Herrschaftsbeziehungen (Herr/Knecht, Lehrer/Schüler, Vorgesetzter/Mitarbeiter) und kann gefestigt sein durch Erfahrung von Charisma (nach Max Weber beruhend auf den vier bislang historisch in Erscheinung getretenen Charismatisierungsquellen Stärke, Kompetenz, Tradition oder Offenbarung). Der Begriff hat seine Wurzeln im Römischen Recht (auctoritas). Als Autorität wird auch eine auf einem Fachgebiet anerkannte Person bezeichnet, man spricht dann von Personalautorität. Die Lehren solcher, idealerweise möglichst alter („antiker“) und bekannter Autoritäten waren grundlegend[1] für das mittelalterliche,[2][3] auf hierarchischen, patriarchalischen und (christlich geformten)[4] personalautoritativen Prinzipien beruhende Denken.[5]

Die älteste und wirkungsvollste Form von Autorität ist die Autorität (auctoritas) der Altvorderen,[6] wie etwa die elterliche Autorität, und stellt eine Instanz dar, vor der sich Wahrheit und Irrtum entscheiden lassen. Eine von Person zu Person übergegangene Personalautorität war und ist patriarchalisch, hierarchisch oder ständisch strukturiert.[7] Mit dem Übergang von der Personalautorität zur Sachautorität wurden die Grenzen des Renaissance-Humanismus[8] überschritten (Vgl. auch die Metapher vom Buch der Natur). Mit der Aufklärung wurde die Autorität von Vernunft und Erfahrung endgültig über die Autorität der Alten gestellt. Albrecht von Haller schrieb 1750:[9] „Auctoritas olim late dominans, nunc tamen tota obsoleta“.[10]

Autorität ist nicht vornehmlich als Eigenschaft, sondern hauptsächlich als Beziehungsqualität zu begreifen; die Autorität bedarf der Anerkennung anderer, das Autoritätsverhältnis ist zweiseitig. Dabei kann es sich um die verschiedensten Beziehungsformen handeln, insbesondere können die Grade der Freiwilligkeit der Anerkennung viele Formen annehmen, insbesondere:

Neue Ansätze im Lehrbereich, zum Beispiel in den konstruktivistischen Lehr- und Lerntheorien, gehen davon aus, dass die Lehrperson ihre Autorität nicht nur kraft des Gesetzes/der Position erlangt, sondern durch Zustimmung von den Belehrten. Autorität kann zudem geteilt oder delegiert werden, sofern die Autorität (als Person) gewillt ist, dies zu tun.

Prinzipiell betrachtet entsteht durch Autorität dennoch ein (wenn auch zeitlich, räumlich oder fachlich beliebig eingeschränkt vorstellbares) Machtgefälle bzw. Herrschaftsverhältnis zwischen – im elementaren Fall – zwei Personen.

Welche Macht einem Lehrer zukommt, hat Jane Elliott durch ihr Experiment gezeigt, in dem sie Kinder durch falsche Informationen über die angebliche Bedeutung der Augenfarbe für den Charakter dazu veranlasste, andere Kinder zu diskriminieren. Zusätzlich zu den irreführenden Informationen ging sie mit schlechtem Beispiel voran, indem sie selbst die jeweils als Sündenböcke ausgewählten diskriminierte. Später entwickelte sie daraus ein auf Bewusstseinsförderung abzielendes Anti-Rassismus-Programm.[11][12]

Erich Fromm bezeichnet die Autorität des Lehrers im Lehrer-Schüler-Verhältnis als Beispiel für eine rationale Autorität, gegenüber der irrationalen Autorität des Herrn in der Herr-Knecht-Beziehung (autoritärer Charakter). Die rationale Autoritätsbeziehung löst sich auf, je selbstständiger der Schüler wird, bis er schließlich der Schule entwachsen ist. Ursprünglich wird Autorität pädagogisch als förderliche Autorität angesehen. Aufgrund gewaltvoller Erfahrungen ist Autorität negativ konnotiert. Soziopsychoanalytisch kritisiert Gérard Mendel Autorität als „täuschende Maske der Gewalt“, die im Fall unzureichenden oder verweigerten Gehorsams ihr wahres strafendes Gesicht zeigt.

Der sehr schillernde Autoritätsbegriff enthält weitere Differenzierungen: charismatische Autorität, funktionale Autorität, personale Autorität, anonyme Autorität, Sachautorität, Amtsautorität, Erziehungsautorität usw.

Man kann nach Bocheński epistemische und deontische Autorität unterscheiden: Epistemische Autorität ist die Autorität des Wissenden, der sich in einem Fachgebiet besonders gut auskennt und auf den bei Fragen, die dieses Fachgebiet betreffen, gehört wird. Deontische Autorität bezeichnet die Autorität des Vorgesetzten, der von dieser Position her Weisungen zum Verhalten einer im Rang untergeordneten Person gibt. Englischsprachige Autoren vertreten inhaltlich ähnliche Unterscheidungen: „cognitive“ und „administrative“[13] – „epistemic“ und „executive“[14] – „by command“ und „by expertise“ (Jean Goodwin, die als dritten Typus die Autorität „by dignity“ vorschlägt).[15]

Unter Demonstration von Autorität oder Autoritätsdemonstration wird eine Handlung verstanden, die genutzt wird, dass eine Autorität anerkannt und gefestigt wird.

Wird Autorität von einer Gruppe sich zusammengehörig fühlender Personen gleichzeitig demonstriert, so tragen Effekte der Gruppendynamik in der Regel zu einer Stärkung der Intensität dieser Demonstration bei.

Das Milgram-Experiment zeigt, dass eine Deckung in dem Sinne, dass z. B. Vorgesetzte Handlungen zur Demonstration von Autorität allgemein oder im Einzelfall befürworten, weiterhin zur Stärkung der Intensität der Demonstration von Autorität beiträgt. Gibt es möglichst wenig Kontakt (z. B. Gelegenheiten für Mitgefühl) zwischen Demonstrierenden und Betroffenen, so ist dies ebenfalls intensitätssteigernd.

Eine Demonstration von Autorität kann zum Beispiel durch Nachsicht und Respekt oder durch die offensichtliche Suche nach einem gerechten Konsens in Konflikten erfolgen. Dies wird gegenwärtig von vielen Menschen als positiv erachtet, da diese Demonstrationen von Autorität als Zeichen intellektueller Überlegenheit interpretiert werden.

Es gibt aber auch Methoden bzw. Verhaltensweisen, die zurzeit überwiegend negativ bewertet werden, so z. B. durch möglichst beeindruckendes Auftreten: Habitus, Kleidung, möglichst imposante Uniform, Talar, Abzeichen, Waffe, o. Ä., durch Sprache, etwa entschiedener Tonfall, Schreien, auch Drohungen, („Säbelrasseln“), oder Beleidigungen, sowie durch Gewalt, Androhen oder Zufügen von physischem oder psychischem Schmerz, Qual, Folter Autorität zu erzwingen. Dazu gehört auch das Verbreiten von Angst und Terror, z. B. demonstrative Verletzung oder Tötung anderer (Exempel statuieren).

In der Studentenbewegung spielte der von der Frankfurter Schule entlehnte Begriff von Autorität eine große Rolle. Eine Revolte kann demnach auch als Antiautoritäre Bewegung bezeichnet werden. Aus dieser Zeit stammen die Formulierungen „repressive“ Autorität und „positive“ Autorität. Mit repressiver Autorität ist der Staat und seine Institutionen, insbesondere der „Behördenapparat“, gemeint, der aufgrund seiner Rechtsstellung berechtigt ist, Sanktionen zu verhängen. Die positive/zugewandte Autorität, die im schulischen und vorschulischen Bereich gelebt wird, wollte der negativen Konnotation eine positive Autorität gegenüberstellen.

Sozialwissenschaftler wie Theodor W. Adorno untersuchten in den 1950ern die Autoritäre Persönlichkeit, die zuvor schon Erich Fromm in den 1930er Jahren während seiner Zugehörigkeit zur Frankfurter Schule als sadomasochistischer Charakter erarbeitet hatte.

Haim Omer entwickelt in Israel eine – wie er sie nennt – neue Autorität, welche Eltern und Lehrern (angesichts veränderter Werte) Einstellungen, Gefühle und Methoden zur Verfügung stellt, Kinder und Jugendliche angemessen zu „erziehen“. Dabei tauscht Omer gegenüber der machtbasierten Autorität die Relation in präsente Stärke („Ich bin da und ich bleibe da.“), wobei der Hauptbestandteil die „wachsame Sorge“ darstellt. Anstatt der Kontrolle des Kindes/Jugendlichen geht es nun um Selbstkontrolle, wodurch die Autorität nicht vom Jugendlichen abhängig ist. Anstatt der pyramidischen Hierarchie steht in der neuen Autorität die Vernetzung von Eltern und Lehrern im Vordergrund.[16]

Psychologen wie Diana Baumrind haben sich mit dem begrifflichen Konstrukt Autorität eingehend im Rahmen der Erziehungsstil­forschung befasst. In der typologisch orientierten Erziehungsstilforschung unterscheidet man gemäß Baumrind[17] einen autoritären und einen autoritativen Erziehungsstil. Ersterer zeichnet sich durch ein niedriges Niveau an Responsivität des Erziehers aus, letzterer durch ein hohes. Das Niveau an Autorität ist in beiden Fällen hoch. Forschungsbefunde weisen in großer Mehrzahl darauf hin, dass eine autoritative Erziehung für die Entwicklung des Kindes weitaus günstiger ist als eine autoritäre.

In den 1960er und 1970er Jahren entstand hieraus die Theorie der antiautoritären Erziehung verbunden mit einer einflussreichen pädagogischen Bewegung.

Da in der typologisch orientierten Erziehungsstilforschung nicht klar wird, ob solche Befunde auf die Varianz der Dimension Responsivität oder eine Varianz der Dimension Autorität zurückzuführen sind, haben Forscher jüngerer Generationen (z. B. Reinhard und Anne-Marie Tausch) vorgeschlagen, die Dimensionen auch unabhängig voneinander zu betrachten. Unter diesem Dimensionskonzept, das in der Erziehungsstilforschung seitdem die Regel ist, sind inzwischen Studien entstanden, die zeigen, dass Autorität für die Erziehung günstig sein kann; so hat etwa Jerome Kagan in den 1990er Jahren gezeigt, dass Kinder strenger Mütter emotional weniger labil sind als Kinder nachgiebiger Mütter.[18] Problematisch ist bis heute jedoch die Operationalisierung des theoretischen Konstrukts Autorität, das ohne einheitliche und explizite Messtheorie mal als erzieherische Konsequenz, mal als Strenge,[17][19] mal als Kontrolle oder Autonomiebeschränkung[20] und mal als Tendenz zu scharfer Disziplin[21] gefasst wird.[22]

Im gesellschaftlichen Erziehungsdiskurs des deutschsprachigen Raumes spielt der Begriff „Autorität“ im 21. Jahrhundert erneut eine zentrale Rolle. Belebt wurden die Diskussionen u. a. durch die seit 2004 ausgestrahlte Reality-TV-Serie Supernanny, deren Protagonistin, die Pädagogin Katharina Saalfrank, freilich noch weitaus weniger auf eine Stärkung der elterlichen Glaubwürdigkeit und Autorität setzte als z. B. die britische „Supernanny“ Jo Frost.

In den Vereinigten Staaten von Amerika hatte Diana Baumrind in den 1970er Jahren dargelegt, dass erzieherische Desiderate wie ein positives Selbstbild, psychosoziale Reife, Selbstkontrolle und Leistungsbereitschaft am ehesten durch einen autoritativen Erziehungsstil hervorgebracht werden, d. h. wenn die Eltern sich dem Kind gegenüber einerseits responsiv verhalten, andererseits aber auch Autorität und Disziplin ausüben. Die Richtigkeit ihrer Vermutung konnte seitdem in zahlreichen Studien nachgewiesen werden.[23]

Obwohl weder Bueb noch Winterhoff mit ihren Thesen über das hinausgegangen waren, was die US-amerikanischen Studien vorgetragen hatten, lösten ihre Bücher in der deutschen Öffentlichkeit und auch bei vielen Pädagogen und Psychologen Protest aus; in heftigen geführten Debatten wurde beiden Autoren vorgeworfen, überlebten Konzepten von Zucht und Ordnung und erzieherischem Missbrauch das Wort zu reden.

Auch Amy Chuas in den Vereinigten Staaten veröffentlichtes Erziehungsbuch Die Mutter des Erfolgs (2011), das nicht für Autorität, sondern für eine ausgewiesen strikt leistungsorientierte Erziehung wirbt, wurde in Deutschland als Plädoyer für elterliches Drillen rezipiert.

Im Zuge desselben Autoritätsdiskurses entstand allerdings auch das Schlagwort von der „Kuschelpädagogik“, das sich seither solche Erzieher gefallen lassen müssen, die Autorität, Leistungserwartungen und Disziplin weiterhin vehement ablehnen.[24] In Schweden wird der „liberale“ Erziehungsstil seit den 2010er Jahren von dem Psychiater David Eberhard kritisiert.[25]

In den Vereinigten Staaten trug die Familientherapeutin Wendy Mogel zu diesem Thema bereits im Jahre 2001 das sehr einflussreiche Buch The Blessings of a Skinned Knee bei, in dem sie vermeintlich partnerschaftliche, in der Praxis aber konzeptlose Erziehungsformen nicht nur kritisiert, sondern diesen auch die detailliert entwickelte Alternative einer Charaktererziehung gegenüberstellt.