Afrikanische Religionen

Die Gruppe der afrikanischen Religionen bildet nach dem Christentum und dem Islam den drittgrößten Religionskomplex Afrikas, der eine Vielzahl von ethnischen Religionen, Kulten und Mythologien umfasst, die es in verschiedensten Ausprägungen auf diesem Kontinent gibt und die trotz aller Unterschiede zahlreiche grundlegende Gemeinsamkeiten aufweisen. Da die arabisch geprägten Regionen Nordafrikas im Zuge der islamischen Expansion (Mitte des 7. bis zum 8. Jahrhundert) und danach islamisiert wurden, bezieht sich dieser Artikel prinzipiell auf Subsahara-Afrika.

Laut Encyclopædia Britannica betrug die Anzahl der Anhänger traditioneller Religionen im Jahr 2003 etwa 100 Millionen, wobei diese Zahl aufgrund intensiver Missionstätigkeit durch Christen und Muslime stetig zurückgeht.[1]

Bis heute leben auf dem Kontinent fast 3000 unterschiedliche Ethnien mit mindestens 1000 verschiedenen Sprachen und zahlreichen unterschiedlichen Kulturräumen.[2] Entsprechend ausführlich muss daher die Betrachtung der afrikanischen Religionen ausfallen, vor allem ihrer generellen religiösen Grundlagen im Rahmen ihrer ökosozialen Beziehungsgeflechte. Die Darstellung der religiösen Grundlagen muss allerdings vor allem hier insoweit eingeschränkt werden, als ein zeitlicher Rahmen nach oben hin zu setzen ist, der sich in etwa auf die Zeit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bezieht, als die Periode massiver europäischer Kolonisationen begann. Aktuelle Zustände sind hingegen für die Beurteilung nicht primär relevant, da sich die religiösen Muster Afrikas seither rapide geändert haben, obwohl bis in unsere Tage hinein zahlreiche dieser ethnischen Religionen lebendig geblieben sind, ja unter dem Einfluss eines steigenden afrikanischen Selbstbewusstseins manchmal wieder kulturprägend wurden.

Der zwischen Gegenwart und Vergangenheit schwankende Tempuswechsel in der folgenden Darstellung spiegelt diese Tatsache wider, denn es ist/war nie genauer zu ermitteln, ob bestimmte Religionen noch vollständig, teilweise, in Spuren, nicht mehr oder erneut und in der geschilderten Form oder in mehr oder weniger synkretistischer Gestalt bestehen/bestanden. Er wurde daher als inhaltliches Kriterium bewusst so belassen und bildet de facto als vor allem volksreligiöser, mitunter schichtspezifischer Unsicherheitsfaktor ein weiteres wesentliches Charakteristikum afrikanischer Religionen, wie sie sich in der Gegenwart präsentieren.

Wie für alle ethnischen Religionen typisch, können zwar einige Gemeinsamkeiten beschrieben werden, doch grundsätzlich gilt, dass es sich auch bei den afrikanischen Religionen um jeweils eigenständige Glaubenssysteme handelt, die sich nur für uneingeweihte Dritte oftmals schwer voneinander abgrenzen lassen.

Cavendish notiert:[3] „Im allgemeinen muss man über die afrikanischen Religionen … in der Vergangenheitsform sprechen. Die meisten Afrikaner haben bereitwillig oder unter Zwang den Islam (z. B. in Nord- und Westafrika, im Sudan und in Somalia) oder das Christentum (im größten Teil Zentral- und Südafrikas) angenommen. Nur sehr wenigen Stämmen wie den ihrer kulturellen Tradition besonders bewussten Yoruba in Nigeria ist es gelungen, ihre ursprüngliche Religion mit einem vollständigen Pantheon zu bewahren.“ Allerdings sind diese Hochreligionen vor allem im Bereich der Volksreligiosität außerhalb der großen Städte oft nur ein dünner Firnis, unter denen sich die alten Religionen teilweise synkretistisch erhalten haben, und bei zurückgezogen lebenden Völkern findet man sie durchaus noch in der Reinform.

Bis zum Ausgang des 20. Jahrhunderts versuchten einige Autoren (etwa Mircea Eliade, Michael Harner oder David Lewis-Williams), ihre Schamanismus-Konzepte – deren Ursprungsideen sich auf die Schamanen Sibiriens beziehen – auch auf Afrika auszuweiten.[11][12][13][14] Speziell für Afrika wurde jedoch kritisiert, dass es dort eine „schamanische Seelenreise“, eine Berufung durch die Geister und bestimmte charakteristische Utensilien nicht gibt, die als Voraussetzung für diese Konzepte gelten.[15]

Eine regionale, durch kulturelle Kriterien erweiterte Einteilung wurde in Baumanns posthum erschienenen Standardwerk „Die Völker Afrikas und ihre traditionellen Kulturen“ aus dem Jahre 1975 vorgenommen, das trotz seines Alters eine gute Übersicht bietet, da Baumann und seine Koautoren seinerzeit noch viele Phänomene beobachten konnten, die heute weitgehend verschwunden sind. (Er zielt denn auch bewusst soweit möglich auf den vorkolonialen Status vor Mitte des 19. Jahrhunderts.[16]) Diese Kombination scheint auch bei der Betrachtung der afrikanischen Religionen und angesichts der multiplen Überlagerungen und Überlappungen am günstigsten handhabbar.

Berücksichtigt man die enorme regionale Inkonsistenz ethnischer, sprachlicher und kultureller Gruppen in Afrika, ergibt sich zwangsläufig für Afrika ein Gliederungsmuster, das nicht vorwiegend geographisch sein sollte, sondern an den kulturellen Phänomenen orientiert, wie dies Sergei Alexandrowitsch Tokarew vorstellt, der vor dem Hintergrund der jeweiligen Gesellschaftsformen und ihrer Subsistenzstrategien drei für die religiöse Problematik relevante kulturell unterscheidbare Volksgruppen für Afrika feststellt,[17] wie sie auch Baumann postuliert (s. u.).

Weiter zu beachten ist die Aufteilung in Sphären der Großreligionen: im Norden vorwiegend Islam, im Süden vorwiegend Christentum, obwohl diese Verteilung nicht eindeutig ist, da es auf beiden Seiten Einsprengsel der jeweils anderen Religion gibt. Dass diese Großreligionen zudem einen beträchtlichen Einfluss auf die alten religiösen Vorstellungen ausgeübt haben,[18] braucht angesichts der Ähnlichkeit dieses Phänomens mit anderen vergleichbaren Vorgängen weltweit nicht betont zu werden.

Unter Berücksichtigung der baumannschen Kulturprovinzen Afrikas ergibt sich eine religionssoziologisch relevante Unterteilung in drei Hauptgruppen:

Es werden hier wie in den folgenden Abschnitten nur die Grundzüge und wichtigsten Phänomene dargestellt, nicht hingegen die Gesamtstrukturen der jeweiligen Religionen der einzelnen Ethnien und die im vorigen Abschnitt bereits geschilderten Gemeinsamkeiten. Einzelne, häufig sehr kleine Splittergruppen, die sich zumeist inzwischen ohnehin an ihre bäuerliche Nachbarschaft akkulturiert haben und über die oft kaum etwas bekannt ist, werden weiter unten im Zusammenhang mit den jeweiligen bäuerlichen Nachbarn besprochen, soweit Informationen über sie vorliegen. Insgesamt gibt es in Afrika folgende größere Wildbeutergruppen:[19]

Als repräsentativ werden für die erste Gruppe die San, Hadza und Bergdama besprochen, für die zweite die Pygmäen, da für diese Völker die besten Informationen zur Religion vorliegen.

Es sind dies nomadisierende, meist sehr kleine Jäger-Sammler-Gruppen Nord-Tansanias: die Hadza, die Aasáx, die Omotik-Dorobo und die Akié-Dorobo
Die Religion der Hadza ist minimalistisch. Auf Rituale legen sie wenig Wert, und für Mystik, Geister oder Gedanken über das Unbekannte bietet ihre Lebensweise wenig Raum. Ein besonderer Jenseitsglaube tritt ebenfalls nicht auf, desgleichen keine Priester, Geisterbeschwörer oder Medizinmänner. Gott wird als blendend hell, ungeheuer mächtig und wichtig für das Leben gesehen und mit der Sonne gleichgesetzt. Das wichtigste Hadza-Ritual ist der epeme-Tanz in mondlosen Nächten. Die Ahnen sollen dabei aus dem Busch kommen und am Tanz teilnehmen.[23]

Repräsentativ und am besten erforscht sind die Mbuti-Pygmäen des Ituri-Waldes.

Die Kulturen und Ethnien dieser zweiten religiösen Großgruppe, die durch eine agrarische Subsistenzstrategie als Bauern und/oder Hirten mit entsprechenden Religionsformen und gelegentlich alte sakrale Königtümer gekennzeichnet sind, erweisen sich als außerordentlich heterogen und unübersichtlich, folgen jedoch im Allgemeinen den oben genannten Kriterien. Die Einteilung des teilweise unvollständig oder nur in Relikten präsenten Zustandes folgt der von Süden nach Norden fortschreitenden Einteilung in Kulturprovinzen, wie sie Hermann Baumann vorgenommen hat.[16] Dabei werden Ethnien mit ihren religiösen Grundzügen im Zusammenhang mit ihren wesentlichsten gesellschaftlichen und ökonomischen Faktoren im Rahmen der geographisch-ethnischen Großregionen paradigmatisch dargestellt. Die Region umfasst die modernen Staaten Südafrika, Namibia, Botswana, Simbabwe, Mosambik, Malawi, Angola, Sambia und Madagaskar.

Die bekanntesten Gruppen sind die zu den Nguni gehörenden Zulu, die Sotho, Swazi, Südafrika-Ndebele und die auch Matable genannten Simbabwe-Ndebele, Tsonga, Batswana, Venda und die Shona. Sie leben in Südafrika, Mosambik und Simbabwe als Viehzüchter und Bauern und haben ein komplexes Gesellschaftssystem mit Stammeshäuptlingen.

Ihre Religion[28] hat als Zentrum einen intensiven Ahnenkult; jeder Klan hat seine Ahnengötter, denen geopfert wird. Himmels- und Weltschöpfungsgötter sind von geringer Bedeutung. Dazu gibt es Kulturheroen, archaische Helden, Naturgeister und Trickster. Ein eigentlicher Animismus im Sinnen von beseelten Steinen, Bäumen oder anderen Naturerscheinungen zeigt sich nicht, wohl aber die Vorstellung von Seelengeistern, die sich an solchen Orten aufhalten können. Die Menschenseele ist aber etwas Anderes, eine Art Lebenskraft, die den Körper im Schlaf verlassen kann (Träume). Es herrscht große Furcht vor Magie durch Zauberer und Hexen sowie verwandlungsfähige Tiergeister. Spezialisten praktizieren Wahrsagen. Bei den Nguni beschwören männliche und weibliche Zauberer (Sangomas) in durch Tanzen hervorgerufene Trance Ahnengeister. Geheimbünde und die dazugehörigen Tänze wie der Nyau-Tanz der Chewa haben eine gesellschaftliche Ordnungsfunktion und einen in der Ahnenverehrung liegenden religiösen Hintergrund.

Ein kulturelles Zwischengebiet mit verschiedenen Völkern wie Danda, Karombe, Lungu, Karanga etc., die vor allem als Jäger und Viehzüchter lebten bzw. leben und ein komplexes polygames Gesellschaftssystem mit relativ starker Stellung der Frau auch in der Religion entwickelten.

In der Religion[29] ist die Verehrung von Tieren teilweise wichtig. Einzelne Rinder galten als Vertreter der Ahnen, und ein Ahnenkult war ausgeprägt. Im Zentrum steht ein Regenkult als Fruchtbarkeitskult, der von Priesterinnen beherrscht wird. Ein etwas diffuser Hochgott existiert. Als Regengott erscheint Mwari, der später teilweise zu einem Höhlen- und Orakelgott entartete. Entsprechend gab es Wahrsagerei bis hin zur Eingeweideschau. Neben dem Regen- und Ahnenkult spielt der Besessenheitskult (Mashawe) eine große Rolle. Die Sterne standen mit den Ahnen in Verbindung.

Völker, die im Südwesten Angolas und im Norden Namibias meist als Viehzüchter leben:

Sie bildet mit der Südkongo-Provinz, die sich allerdings durch die Bildung von Großstaaten abhebt, die Mittel-Bantu-Provinz und ist kulturell relativ homogen mit dem Charakter eines „Viehzuchtkomplexes“.

Das Sambesi-Angola-Gebiet fällt, was Religion und Mythen angeht, wenig aus dem Rahmen des bei den Bantu Üblichen. Wichtig sind die Bedeutung der Regendoktoren im trockenen Süden, die Reinkarnationsidee mit Verwandlung in Tiere, das intensive Besessenheitswesen und die Macht der Schadzauberer.

Auf diesem Gebiet, das sich vom Atlantik bis zum Tanganjika-See und von den Plateaus im Norden von Brazzaville bis zur südlichen Grenze von Zaïre erstreckt, leben Savannenvölker, die einst zu den dortigen alten Staaten gehörten und entsprechende kultische Reste bewahrt haben. Feldbau (Mais oder Maniok) als Savannenpflanzung oder Waldpflanzung mit Brandrodung sind die wirtschaftliche Grundlage. Haustierhaltung ist bekannt. Jagd wird selten ausgeübt, Fischfang vor allem von Frauen. Matrilinearität herrscht vor, aber auch Patrilinearität kommt vor. Luba, Tio, Lunda und Hemba sind die bekanntesten der zahlreichen Ethnien.

Die Religionen des Gebietes[36] ähneln sich bis in die sprachlichen Bezeichnungen. Alle glauben an einen anthropomorphen Schöpfergott, dem zwar kein eigener Kult gewidmet ist, der aber individuell angerufen wird. Geisterglaube ist verbreitet. Naturgeister werden von den Häuptlingen angerufen, ihnen sind auch Kulte gewidmet, die oft in den Händen von Zauberern liegen.

Ahnenglaube ist ebenfalls verbreitet; die Toten leben unter der Erde oder im Ozean; einige Ahnen sind gefährlich. Mitunter erfüllen die Ahnen die Funktionen der Naturgeister. Den Ahnen wird geopfert und sie haben eigene Weihestätten.

Die Furcht vor Hexen ist gängig. Schutz gegen sie erlangt man durch Zaubermittel, die vielerorts im Mittelpunkt stehen. Die Wahrsager-Medizinmänner erkunden mit Orakeln die Ursache der jeweiligen Hexentaten. Riten sind Opfer, die von Tabus begleitet werden, dazu Gebete Formeln und zeremoniale Gesten. Sie zielen auf den Erhalt der Fruchtbarkeit und die Segnung der Jäger oder sind Anrufungen der Ahnen etc. Dazu kommen soziale Riten wie Initiationen, Bestattungen etc.

Zu den dort lebenden Pygmäen s. oben unter den Wildbeuterkulturen.

In diesem Gebiet mit Pflanzervölkern überkreuzen sich die Einflüsse aus dem Süden und Norden, Westen und Osten, so dass ein sehr heterogenes Kulturbild entsteht. Im Nordraum leben vor allem die Küsten-Bantu sowie sieben weitere Bevölkerungsgruppen, im Nord- und Ostraum etwa 40 Völker, die aber einheitliche Vorstellung ihrer Herkunft haben mit einem wissenschaftlich allerdings hohen Unsicherheitsgrad, der nicht zuletzt Folge der zahlreichen, nicht mehr nachvollziehbaren Wanderungsbewegungen dieser Völker ist. Für ihre Subsistenzstrategien charakteristisch ist ein einfacher Hackbau, der sog. tropische Wanderfeldbau, der Ergebnis der geringen Fruchtbarkeit der Regenwaldböden nach der Rodung war, ebenso wie der Wildbau, der ohne weitere pflegerische Maßnahmen auskommt und keine Vorratswirtschaft kennt. Ziegen und Schafe werden gehalten, jedoch keine Großtiere. Die Jagd spielt eine untergeordnete Rolle, außer bei den Pygmäen und anderen Wildbeutervölkern. Die Wirtschaftsweise ist semiautark und benötigt einen Austausch von Eigenerzeugnissen, der sich im sog. „Frauengrenzmarkthandel“ vollzieht. Im sozialen Leben fehlt jegliche Staatsorganisation. Im Norden ist der patrilineare, im Süden der matrilineare Familienverband bzw. die Sippe die oberste soziale Einheit. Geheimbünde und Initiationen sind typisch.

Die Religion ist gekennzeichnet durch einen Ahnenkult, der den Götterkult an Bedeutung überragt. Ahnenbilder sind als Wächterfiguren verbreitet, und man glaubt an das machtvolle Einwirken der Ahnen auf das Diesseits. Dabei ist die patrilineare von der matrilinearen Anbetung getrennt. Fruchtbarkeitskulte sind mit ihren Riten ebenfalls verbreitet. In den Frauenbünden hat sich das Phänomen der Besessenheit erhalten, das häufig mit der Verehrung von Erd-, Wasser- und Felsengeistern verbunden ist. Weit verbreitet ist zudem der Glaube an Hexen und Zauberkraft (likundu). Inzwischen haben massive christliche Einflüsse teilweise synkretistische Religionsphänomene ausgelöst, wie etwa den aus dem Ahnenkult hervorgegangenen bwiti-Kult. Auch die alten solaren und Schöpfergottheiten wurden so verdrängt. Insgesamt „dominiert eine magisch-nichtanimistische Vorstellungswelt (Ahnenkult, Jagdmagie, Zauberwesen), die freilich mit animistischen Elementen (Natur-, Besessenheitsgeister), besonders im Einflussbereich mutterrechtlicher Tendenzen, durchsetzt ist“.[38]

Im Norden herrscht die Grassavanne vor, im Süden der äquatoriale Regenwald. Der Norden wird von Bantu-Stämmen bewohnt, vor allem Mongo und Ngombe, der Süden von Gruppen, die Nicht-Bantusprachen sprechen. Ngombe und Mongo haben die meisten ethnischen Eigenschaften gemein, auch die beiden kleineren Gruppen, die Flussleute und die Bewohner des Ngiri-Gebietes folgen im Allgemeinen diesem Muster. Die meisten Völker sind patrilinear und polygyn. Gesellschaftliche Basis ist die Lineage mit Klanstruktur.

Die Religion ist bestimmt von den bekannten Faktoren Hochgott, der bei den Ngombe als Stammesahne betrachtet wird, Ahnenglaube, Totengeister, die sich gelegentlich in Tiere verwandeln können, Besessenheit, Spuren eines Totemismus, Magie und die damit einhergehenden Praktiken, Hexenfurcht.

Die Nichtbantu, vor allem die Ngbandi, Ghaya-Ngbaka, Banda und Mbaka haben im Detail abweichende Kulturmuster und Glaubensvorstellungen, die allerdings stark von denen der dominierende Bantu beeinflusst scheinen. Insbesondere der Ahnenkult ist stärker ausgeprägt.

Eine weitere Gruppe stellen die als Batwa bekannten Pygmoiden dar, die von der Jagd leben und ihre Beute bei den Mongo gegen Feldfrüchte eintauschen und zu den Mongo in einer Art Klientenverhältnis leben. Seit der Kolonisierung haben sie ihre nomadische Lebensweise weitgehend aufgegeben und sich kulturell den Mongo angeglichen.

Die Bevölkerung ist sehr heterogen und umfasst drei Großgruppen:

Madagaskar, drittgrößte Insel der Erde, ist relativ dünn besiedelt. 18 verschiedene Stämme finden sich, die allerdings politische Einheiten bilden, keine kulturellen. Darunter sind Bodenbauern, Hirten (meist gemischte Subsistenz), Fischer, Reisbauern. Durch übermäßige Brandrodung sind die Subsistenzmöglichkeiten inzwischen aber eingeschränkt. Soziale Basis ist die Großfamilie mit Ältestem und Adelsschicht.

Religion: Die Mehrheit ist nicht christianisiert. Die alte Stammesreligion basiert auf dem Ahnenkult.

Der auch Ost-Bantu genannte Bereich wird im Osten vom Indischen Ozean, im Westen durch die Kette der großen Seen etwa am 30. Längengrades begrenzt, die Nordgrenze verläuft entlang der Sprachgrenze zu den Niloten, die Südgrenze etwa im Bereich des 12. Breitengrades einschließlich der Komoren und der von den Swahili bewohnten Küstenregionen bis zu Kap Delgado. Es sind vor allem Hochländer und Trockensavannen, dazu einige regenreiche Gebirgs- und Küstenregionen, aber auch Dornbusch- und Baumsavannen. Kulturell und ethnisch ist das Gebiet extrem heterogen. Die wichtigsten Völker sind die Swahili, Ost- und Nordostbantu, Mbugu, dazu die oben bereits besprochenen Wildbeutergruppen der Hadza, Aasax Dahalo, Liangulo, Twa und Dorobo, die Kawende und zahlreiche andere, meist kleinere, oft auch sprachlich charakterisierte Gruppen in diesem sprachlich heterogensten Bereich Afrikas.[44] Die sippen- bzw. klaninterne Organisation ist meist patrilinear. Früher gab es manchenorts sakrale Königreiche (vgl. Geschichte Nordafrikas). Alle Wirtschaftsformen kommen vor: Feldbau (Brandrodung Wanderfeldbau, Feldwechselwirtschaft), Viehzucht, Fischerei, Jagd, Sammeln, mitunter auch gemischt.

Religion: Charakteristisch sind Hochgottvorstellungen, bei den Sonjo ein Kulturheros, Ahnenverehrung und Besessenheitskulte, Hexenfurcht.

Ein Gebiet mit relativ mildem Klima am Horn von Afrika, Somalia und Äthiopien, in dem vor allem Äthiopier und eingewanderte Araber in mehreren ethnischen Großgruppen leben, in denen sich die Einflüsse der christlichen und islamischen Hochreligionen überlagern und noch größere „heidnische“ Reste Bestand haben bzw. hatten:

Die Religion zeigt bestimmte allgemeine Züge: Ein meist otioser Hoch- und Schöpfergott, oft Nyial oder Jok genannt, an den man sich durch Vermittlung des mythischen Stammesgründers Nyikang wenden kann und der sich in allen Phänomenen äußert, sogar die Summe der Totengeister bezeichnet. Totengeister können auch bösartig werden und sitzen in den Knochen der Toten. Medizinmagie ist weniger bekannt, vielmehr werden medizinische Wirkungen einem Geist zugeschrieben, und entsprechend erhalten Zauberdoktoren ihre Kraft daher bzw. von einem Jok selbst, der in sie fährt. Ähnliches gilt für das Regenmachen, bei dem unter anderem Tieropfer üblich sind. Wahrsagen ist verbreitet. Besonderheiten betreffen die Dinka und Nuer, wo magische Elemente kaum vorkommen. Bei den Acholi herrschen Bantu-Einflüsse, die sich unter anderem in einen verstärkten Ahnenkult äußern. Auch bei den zu den Dinka gehörenden Bor zeigen sich Akkulturationen mit nichtnilotischen Nachbarstämmen in Form einer verstärkten Rolle von Magie, Hexerei und Zauberei, wobei die Wahrsagermuster ganz übernommen wurden. Gelegentlich spielen wie bei den Schilluk lokal alte Königskulte noch eine Rolle. Die Religion der Nuer ist weitgehend spiritualisiert mit Geistwesen, die verschiedene Aspekte der Natur symbolisieren und mit einer verstärkten Bedeutung von Erdgeistern bei Divination und Magie. Bei den Luo ist die Angat vor den Toten groß.

Die Religion ist vom Hochgott bestimmt, der zu jeder Tageszeit angerufen und dem geopfert wird. Ahnengeister sind Mittler zu ihm. In der zentralen Gruppe verschwindet der Ahnenglaube allerdings fast vollständig, und an ein Weiterleben nach dem Tod glaubt man nicht. Die Massai der Südgruppe glauben nur an das Weiterleben der Reichen und Medizinleute, und zwar als Schlangen, und haben keinen eigentlichen Ahnenkult, glauben dafür an einen Gott Engai. Sie haben zudem wie andere Ethnien des Bereichs auch Regenmacher und „Erdhäuptlinge“, die für die irdischen Belange zuständig sind. Magische Riten sind besonders gut ausgebildet. Islamische und koptische Einflüsse treten vor allem von der Küste her auf, insbesondere bei den Massai.

Über die Religion der kleinen, pygmoiden Waldjägergruppen ist wenig bekannt. Sie glauben an Baum-, Wasser- und Naturgeister und werden wegen ihrer magischen Fähigkeiten gefürchtet. Viele von ihnen haben sich allerdings inzwischen an Nachbargruppen akkulturiert (s. o.).

Repräsentativ für die Südgruppe sind die Massai. Ihre Gesellschaftsstruktur ist kriegerisch, die Klans sind patrilinear und totemistisch geprägt. Der Laibon genannte Kriegshäuptling hat allerdings vor allem religiöse Funktionen und tritt als Vermittler zwischen Mensch und jenseitigen Mächten auf. Die sog. Schmiede (Haddad) sind dabei die unterste Kaste, sind aber überall bis weit in die Sahara hinein wegen ihrer magischen Fähigkeiten gefürchtet (s. dazu weiter unten unter den Tuareg).

Religion und Kultur der anderen Ethnien der Südgruppe wie Nandi, Kipsikis, Lumbwa und andere Splittergruppen sind stark von den Massai beeinflusst. Verschiedentlich wird der Hochgott mit der Sonne identifiziert, Ahnengeister gelten als aktive Klanmitglieder, Schlangen gelten ebenfalls teilweise als Inkarnationen der Ahnen. Überhaupt ist der Ahnenkult überall sehr ausgeprägt.

Gemeint ist hier der Raum im „Herzen Afrikas“ nördlich der Kulturprovinz des Nordkongo mit ungefähr derselben ostwestlichen Ausdehnung, aber ganz eigener kultureller Prägung. Das Gebiet deckt sich in etwa mit der Zentralafrikanischen Republik, ein flussreiches Land mit semihumidem Tropenklima und Übergang zum Regenwaldklima sowie mäßigen Höhenunterschieden außer im Norden. Feuchtsavannen mit gering fruchtbaren Böden sind typisch. Das Gebiet wurde immer wieder von Völkern durchwandert und bietet daher schon sprachlich-ethnisch ein Bild verwirrender Vielfalt. Wegen ihrer islamisch geprägten Kultur sind zwei Völker besonders wichtig: Araber und Fulbe. Dazu kommen weitere 11 Bevölkerungsgruppen wie Wute, Manja, Banda, Zande etc. Hauptsächliche Wirtschaftsformen sind Feldbau und Jagd. Man unterscheidet:

Zwischen dem Logone und Niger gelegener mittlerer Abschnitt des Sudan, im Norden von der Sahelzone begrenzt, im Süden vom tropischen Regenwald. Vorwiegend Trockensavanne, topographisch offen für den Transsaharahandel. Im Ausstrahlungsbereich alter Territorialstaaten wie Kanem-Bornu und der Hausa-Staaten. Außerhalb dieses islamischen Bereichs in der Niger-Benue-Senke „heidnische“ Ethnien. Vor allem Hackbauern, wenig und nur kleine Haustiere.

Religion: Überall gibt es den Glauben an einen Hochgott, dem aber kein Kult gewidmet ist, außer er fungiert auch als Regengott. Ausgeprägter Ahnenkult mit einem Wiedergeburtsglauben, gelegentlich verbunden mit der Vorstellung von einem Totengericht, bei dem der Erdgott eine wesentliche Rolle spielt. Besonderes Interesse gilt im Rahmen der vorherrschenden Patrilinearität den männlichen Ahnen. Männerkultbünde sind verbreitet. Damit einher gehen Agrarriten, die stets auch Gedenkfeiern für die Toten sind, desgleichen Regenriten, die von erblichen Regenpriestern durchgeführt werden, die in manchen Stämmen wie den Loguda, Yungur, Gabin und Mumuye oberste religiöse Autorität sind. Für das Orakelwesen sind im Mandara-Gebirge die Sahara-Schmiede (Inadan) zuständig. In den Bergen sind Menhire und megalithische Plätze nicht selten. Kopfjagd war früher üblich. Verschiedentlich gibt es ein sakrales Häuptlingstum und Funktionsgottheiten mit Königsahnen. Glaube an die Ahnen repräsentierende Schutzgeister ist verbreitet. Ein wesentliches Phänomen unter anderem bei den islamischen Hausa, den zu den Hausa gehörenden nichtislamischen Maguzawa und einigen benachbarten Ethnien ist die Besessenheit von Bori- und Dodo-Geistern, die sich durch Medien, Frauen und Männern, offenbaren, die durch Musik in Trance bzw. Ekstase geraten sind. Der/die Besessene trägt das Attribut seines Geistes an sich und ist sein „Pferd“, durch das dieser seine Wünsche kundtut. Im Sudan pflegen Frauen den Zar-Kult. Dort wurde der auch in Ägypten verbreitete Kult verboten.

Das Gebiet wird von vielen Semibantuvölkern bewohnt. Die Grasland-Semibantu haben zahlreiche kulturelle Einflüsse aus dem Sudan aufgenommen, die Waldland-Semibantu hingegen sind weit ursprünglicher geblieben.

Sie wird auch als Oberguinea-Provinz bezeichnet. Hier vermischen sich nach Baumann „altnigritische Substratkultur mit altmediterraner und jungsudanischer Überschichtung“.[51] Die oft hervorragenden Böden (z. B. Nigerdelta) mit heißfeuchtem Tropenklima haben zu ausgeprägten bäuerlichen Kulturformen geführt. Die ethnische Gliederung, für die überall monarchische Staatenbildungen typisch sind, umfasst vier Hauptgruppen, für die außer der ersten und den an der Guinea-Küste lebenden Ethnien Feldbau ohne Großviehhaltung typisch sind (Jagd spielt kaum eine Rolle):

Religion: Himmels- und Erdgottheiten sowie ein meist als Schöpfer auftretender Hochgott beherrschen den Glauben der 2. bis 4. Gruppe.

Insgesamt findet man in diesem Bereich so ziemlich alle bekannten Äußerungsformen der afrikanischen Glaubenswelt, also Glaube an übernatürliche Kräfte mit animistischer Grundierung, Magieglaube mit Fetischen, Amuletten, Jujus, Talismanen. Zwischen Seelen, Geister und Gottheiten verschwimmen die Grenzen, denn allen sind die überirdischen Kräfte gemein, doch wird nach Funktion und Motivation unterschieden (hoch oder nieder, gut oder böse etc.).

Der Glaube an die segen- und nutzbringenden Aktivitäten der Totenseelen oder -geister ist Grundlage des Ahnenkultes, der hier den höchsten Ausdruck religiösen Empfindens bildet. Opfer sind dabei üblich. Ein Totemismus findet sich noch bei den Anyi-Akan, den Ewe und Edo. Verbreitet ist ein Schlangenkult im Zusammenhang mit der Ahnenverehrung besonders bei den Aschanti und Dahome.

Ebenfalls weit verbreitet ist der Glaube an die Fähigkeit des Menschen, sich in ein Tier zu verwandeln. Dazu treten eine Unzahl märchenhafter, teils nützlicher, teils schädlicher Wesen wie Buschdämonen, Riesen, Elfen, Gnome auf. Überall finden sich teils phallisch orientierte Fruchtbarkeitskulte.

Die Yoruba-Religion hat für das heutige Afrika besonders große Bedeutung. Interessant ist hier das 401-köpfige, genealogisch geordnete Yoruba-Pantheon,[52] das mit seinen streitenden Göttern seine Herkunft aus den archaischen Hochkulturen verrät und deren vielfarbige Mythen den Aufenthalt der Götter auf der Erde, allerdings nichts über den Hochgott berichten. Die Religion der Yoruba basiert auf einer vierstufigen Rangordnung spiritueller Wesen. Das Höchste Wesen ist Olodumare bzw. Olorun steht über einer hierarchischen Ordnung niedrigerer Gottheiten, denen Tempel und Heiligtümer zugeordnet sind, während der Hochgott lediglich angerufen wird. Ahnenverehrung und Orakel wie das Ifa-Orakel sind zentral. Die Oro- und Egungun-Maskentänze dienen der Totenverehrung. Allerorts finden sich Schreine an Natursymbolen wie Felsen, Bäumen, Flüssen usw., in denen Kultbilder stehen. Das Kosmos besteht aus der diesseitigen Welt der Menschen und der jenseitigen Welt der Geister, in die man aber durch Traum und Visionen gelangen kann. Wesentlich sich die orisha-Mythenkulte, die sich auf einzelne Gottheiten beziehen und häufig lokale Formen ausprägen, in denen auch soziale Funktionen wie Heirat etc. repräsentiert sind. Auch der Hauptgott tritt in lokalen Unterschieden auf. So war in Oyo der Sturmgott Shango die Hauptgottheit, in Benin entwickelte sich parallel die Edo-Religion. Die Priester, Geisterbeschwörer und Heiler der Yoruba-Religion werden Babalawo genannt.

Sie umfasst das Küstengebiet und das nahe Hinterland von der Nordgrenze Senegals bis zur Mitte der Elfenbeinküste. Landschaftlich und klimatisch finden sich Mangroven und Küstenwald, Savannen und tropischer Urwald. Das Klima wird durch den Passat beeinflusst.

Ethnisch finden sich nach Baumann 77 Völker, darunter die Wolof, Dyola, Temne, Mende, Lebu und zahlreiche andere. Grundlage der Wirtschaft ist der Feldbau als Hackbau mit Brandrodung, dazu hie und da Gartenbau (bei den Dyola und Flup). Fischfang hat große Bedeutung, ebenso die Jagd. Sozial spielte das hier sakral auftretende Königtum bei den stark in Klassen gegliederten Wolof eine wichtige Rolle, dazu gab es vor allem bei den Dyola zahlreiche kleine Fürstentümer, wobei der König gleichzeitig Priester des Schutzdämons seines Gebietes war. Andernorts finden sich Häuptlingsschaften.

Religion: Der Glaube an einen Himmels- und Schöpfergott ist mehr oder weniger stark vorhanden. Dazu kommen je nach Lebensweise Erd- und Wassergötter sowie Lokaldämonen. Beim Jenseitsglauben spielt in Liberia und Sierra Leone ein Totenland an einem für die Seele schwer erreichbaren Ort (Berg, Meeresgrund usw.) eine Rolle. Reinkarnations- und Erneuerungsprozesse der Seele kommen vor. Am wichtigsten ist generell der Ahnenkult, wobei sich die Ahnen in weltliche Dinge einmischen und Opfer erwarten. Damit einher gehen die bei den Männern Poro genannte Geheimbünde (bei den Frauen Bondo). Wichtigster Kultgegenstand ist dabei die Maske, die den Bunddämon repräsentiert und Verkörperung aller Ahnenseelen ist. Vor allem sind dabei Aufnahme-Initiationen üblich, bei denen der Bunddämon den Novizen verschlingt und ihn dann wiedergeboren wieder ausspuckt. Während der Buschzeit genannten Zwischenperiode sind die Initianden Geister und gelten als Ahnen. Darüber hinaus führen zahlreiche Spezialbünde teils kannibalistische Bräuche aus. Manche totemistischen Bünde unterstellen die Fähigkeit zur Verwandlung der Mitglieder in das Totemtier (Krokodil oder Leopard). Vor allem islamische Einflüsse (Wolof und Lebu) sind neben schwächeren christlichen Einflüssen mit einigen Sekten zu beobachten.

Die Oberniger-Provinz ist im Norden durch die Sahara begrenzt, im Süden durch den Guinea-Wald. Entsprechend präsentiert sich der Norden mit Trockensavannen, indes der Süden immer feuchter wird und über Galeriewälder und Feuchtsavannen in den tropischen Regenwald übergeht. Durchflossen wird das Gebiet von Senegal und Niger, der in seinem Delta außerordentlich fischreich ist und fruchtbare Böden bietet. Meist ist Landwirtschaft üblich, häufig mit elaborierten Bewässerungssystemen, in den Höhen des Fouta-Djalon-Gebirges wird auch Viehzucht betrieben. In diesem Bereich haben sich ausgehend von der westlichen Sudanzone im Mittelalter große Staatenbildungen vollzogen, darunter das Ghanareich, Songhaireich und Malireich (vgl. Geschichte Nordafrikas).

Ethnisch gehören die Stämme meist zu der Mandesprachgruppe. Es sind dies vor allem die Bambara, Soninke, Dogon, Fulbe, Malinke, Tukulor und andere. In der Wirtschaft herrscht der Feldbau vor, dazu die vor allem von einigen Fulbe-Gruppen, insbesondere von den Bororo (auch Fulani oder Peul genannt) betriebene Viehzucht, überdies Sammeln, Fischerei und Jagd. Die Gesellschaft ist nach dem Zerfall der alten Reiche meist in Familien, Sippen-Lineages und Stämmen organisiert, teils patrilinear, teils auch matrilinear.

Die Religion wird vor allem von einem komplexen und umfangreichen System von Mythen bestimmt,[55] darunter Urzeit-, Schöpfungs-, Kulturbringer-, Abstammungs- und Zwillingsmythen. Der Mensch hat bei den Dogon und Bambara 5 Seelen mit unterschiedlichen Funktionen und Eigenschaften, und es werden ihnen persönliche Altäre errichtet, ebenso wie den Ahnen, deren Verehrung im Mittelpunkt der Religion steht, insbesondere der Kult der Dorfgründer. Damit eng verbunden ist der totemistische Kult der mythischen Klanahnen, der Binu-Kult, der den Yeban gewidmet ist, vormenschlichen Wesen, und der sich vor allem als Vegetationskult darstellt. Eng damit in Verbindung stehen wiederum die zahlreichen Geheimbünde mit Masken im kultischen Zentrum (Maskenbünde der Dogon und Bambara). Besonders interessant ist hier aber der Holey-Kult, ein Besessenheitskult, der sich ebenfalls auf prähumane Wesenheiten, die Holey bezieht. Diese ergreifen von einem in Trance befindlichen Tänzer Besitz und benutzen ihn als Medium. Die Priester der Songhai sind für ihre magische Macht berühmt und stellen Amulette her, bekämpfen seelenfressende Hexen usw.

Der vor allem als Jenseitsreligion betrachtete Islam hat in diesem Gebiet Einfluss ausgeübt, doch mit vor allem äußerlicher Wirkung (Gebete, Kleidung, Fasten, Recht usw.). Der Holey-Kult und auch der den Zin (Dschinn) gewidmete Kult, in dem sich die Kulte der alten Erd- und Wasserherren erhalten haben, ist von weit größerer Bedeutung. Hier wie im gesamten Verlauf des Niger spielen in der nichtislamischen Volksreligion, die parallel zum Islam überall existiert, sog. Féticheurs eine wichtige Rolle. Sie treten vor allem als Wahrsager auf und haben einen starken Bezug zu Flussgeistern und der Göttin des Flusses.

Sie bezeichnet das kulturell wie wirtschaftlich recht einheitliche Gebiet der Bevölkerungsgruppen im Zentrum des Nigerbogens in Obervolta und den angrenzenden Teilgebieten der Nachbarstaaten. Die ähnliche Umwelt (Trockenwald- und Feuchtsavanne) hat den Regenfeldbau zur Folge mit Herdeviehzucht und subsidiärer Jagd, dazu Fischfang und auch Sammeln. Die alteingesessene Bevölkerung konnte ihre Kultur trotz Überschichtung durch die Kultur der vorislamischen Staatengründer und durch den Islam selbst weitgehend bewahren. Eine ethnische Gliederung ist wegen der Vielzahl der Völker und ihrer starken Durchmischung und Verzahnung der Siedlungsgebiete kaum möglich. Man unterscheidet daher grob (wobei ethnische und sprachliche Gruppen nicht deckungsgleich sind):

Wichtigste soziale Großstruktur ist die Lineage-Sippe, die durch einen gemeinsamen Ahnen verbunden ist. Die Struktur ist streng patriarchalisch, Frauen sind nicht kultfähig. Es gibt Ältestenräte mit Senioritätsprinzip in den übergeordneten Verbänden.

Religion: Der Sippenälteste fungiert auch als Priester in dem zentralen Ahnenkult und wird Erdherr genannt. Übergeordnete und oft esoterische Kultbünde vollziehen Initiationsriten. Erdkulte sind verbreitet. Zwei unpersonale, aber nicht otiose, teils als Regengötter fungierende, kultisch verehrte Hochgötter als Repräsentanten des Himmels und der Erde sind Ausgangspunkt einer teils überschichteten Kosmogonie. Die Menschenferne des Hoch- und Himmelsgottes macht Vermittler notwendig, als die vor allem die Gattin des Hochgottes, die Erdgöttin, sowie die Ahnen auftreten. Der Erdkult enthält auch einen Buschkult als jägerisches Substrat, in dem der Buschgott als Herr des Wildes noch eine Rolle spielt, der auch um Jagdglück angerufen werden muss und Frevel straft, wobei Buschgeister als Wildhüter auftreten. Buschheiligtümer sind ihm geweiht, die auch totemistischen Charakter annehmen und derart auf den Klan übertragen werden können. Dabei tritt auch die Idee der Außenseele (Alter Ego) auf, die mit einem Tier geteilt wird, dessen Schicksal dann auf ihn zurückwirkt. Neben diesem Erd- und Himmelskult existiert gleichberechtigt ein Ahnenkult auf der Grundlage komplexer Seelen- und Reinkarnationsvorstellungen mit einer dualistischen Grundstruktur (Körper/Lebenskraft – Geist/Seele). Magie, etwa durch Regenmacher, wird durch die Ahnen vermittelt. Matrilinear vererbte Wahrsagerei, auch durch Medizinmänner, ist verbreitet, ebenso Hexenfurcht (sie fressen Seelen und trinken Lebenskraft).

Die traditionellen Vorstellungen sind durch die staatenbildenden Kulturschichten nicht wesentlich beeinflusst worden. Der Islam hat vor der Kolonialzeit nur bei den Songhai- und Fulbe-Staaten Fuß fassen können. Das Christentum hat nur geringe Erfolge gehabt.

In diesen Völkern dominiert der Islam meist schon seit Jahrhunderten, vor allem seit der ab dem 14. Jahrhundert einsetzenden arabischen Einwanderungswelle aus dem Niltal, und er hat die alten Religionsformen weitgehend verdrängt, von denen allerdings noch zahlreiche Reste und synkretistische Phänomene zu beobachten sind.

Im Norden die Dornsavanne des Sahelzone, ansonsten charakteristisch für die Sudanzone. Weiter im Süden gute Voraussetzungen für Viehnomaden mit Übergang zur regengrünen Savanne, weiter im Süden jenseits des 10. Breitengrades ist wegen der Tse-Tse-Fliege keine Großviehhaltung mehr möglich, dafür Feldbau. Der 23. Breitengrad bildet die südliche Grenze der Islamzone. Die dortigen Karawanenstraßen waren Ursprung der späteren lokalen Königreiche. Entsprechend finden sich vier Bevölkerungsgroßgruppen, die allesamt mehr oder weniger islamisiert sind:

Die dort teils als Nomaden und Halbnomaden, teils als Oasenbauern lebenden Völker sind durchweg islamisiert. Man unterscheidet sechs Hauptgruppen, von denen allerdings nur die drei ersten relevant sind:

Auch die Tubu kennen einen allerdings islamisierten Ahnenkult, dazu präislamische Agrarriten, magische Praktiken, Geomantie und Ordal sowie Reste eines Sonnenkultes. Der Mensch hat nach ihrem Glauben zwei Seelen. Die Totenseele streicht um die Gräber, an denen deshalb geopfert wird. Die Traumseele hingegen schweift in den Träumen umher; Böse Blicke können sie einfangen. Insgesamt haben sich bei den Tubu besonders viel vorislamische Bräuche erhalten, und im Tibesti finden sich zahlreich Steinkreise, die auf vorislamische Kultstätten zurückgehen, an denen bis heute Opfer dargebracht werden. Der Geisterglaube ist ebenfalls verbreitet.

Die ethnolinguistische Systematik ist wegen der absoluten Vorherrschaft des Arabischen hier besonders problematisch, desgleichen sind es großräumige Einteilungen wie Maghreb, Sudanzone, Nubien oder ein geographische wie Libysche Wüste. Die Arabisierung ist hier insgesamt kulturprägend gewesen, desgleichen waren es die späteren kolonialen Einflüsse Europas (Französisch teilweise als Amtssprache). Neben Arabern finden sich vor allem die im vorigen Abschnitt bereits dargestellten Ethnien, insbesondere Berber und Mauren.

In der Religion dominiert der Islam sunnitischer Prägung absolut, er ist nach der Zuordnung der Rechtsschulen malikitisch (Ausnahmen: sufitische Mozabiten und Charidschiten). Islamische Bruderschaften spielen eine große Rolle. Eine mit Wallfahrten verbundene Heiligenverehrung besteht hie und da, wobei zahlreiche vorislamische Glaubensformen islamisiert wurden, indem sich etwa vor allem im Volksislam heidnische Gottheiten in Geister verwandelten, die von den Menschen auch Besitz ergreifen und von ihnen bestimmte Verhaltensweisen fordern.

Relikte alten Berberglaubens bestehen (s. auch oben). Dazu gehören bestimmte Kulthandlungen im Zusammenhang mit Lebensabschnittsriten (Geburt, Initiation, Heirat, Tod usw.) und wirtschaftlichen Ereignissen sowie Fruchtbarkeitsriten zu Saat und Ernte. Sehr alt sind ein Sonnenkult sowie die Verehrung von Felsen, Quellen oder Bäumen. Amulette und Magie sind verbreitet, ebenso der Glaube an die Wunderkraft bestimmter Personen.

Bei den altkanarischen Guanchen, deren Ursprung bis heute unklar ist, hat sich ein vorislamischer, vorarabischer berberischer Kulturkomplex erhalten. Sie glaubten einst vor ihrer Christianisierung durch die Spanier an einen Hochgott Aborac und an in Vulkanen lebende Dämonen, hatten Priester und Tempel sowie eine Art Nonnen (harimuguadas). Opferriten waren verbreitet. Einbalsamierungen waren hie und da üblich, desgleichen wird ein alter megalithischer Kulturkomplex vermutet.[66]

Gemeint ist hier der Bereich des mittleren und unteren Nil samt den ihn begleitenden Oasen der Libyschen Wüste sowie das Nildelta. Die Region ist komplett islamisch und arabisiert. Nicht berücksichtigt ist die klassische altägyptische Religion. Die Sprache ist ägyptisches Arabisch, die Bedja sprechen eine kuschitische Sprache. Im Brauchtum haben sich wie überall im islamischen Nordafrika einige vorislamische Reste erhalten wie magische Praktiken, Angst vor dem Bösen Blick, Amulette, Geister- und Dämonenfurcht (Dschinn), Totenfurcht usw.

Die nomadischen bis halbnomadischen Bergstämme der Bedschas des Ostsudan sind ebenfalls Muslime.

Zur vielfältigen und auch machtpolitisch relevanten Rolle des Christentums und des Islam in Afrika insgesamt siehe die jeweiligen Hauptartikel: Religion in Afrika, Christentum in Afrika, Koptische Kirche, Äthiopische Kirche, Afrikanische Kirchen und Islam in Afrika sowie für Einzelfragen die Kategorie:Islam nach Staat und Kategorie:Christentum nach Staat. Zu den Einflüssen altarabischer Traditionen vor allem auf den Islam Nordafrikas siehe vorigen Abschnitt. Von den übrigen Weltreligionen spielt lediglich der Hinduismus in Südafrika und auf Mauritius noch eine gewisse Rolle.

Literatur:[68]

Die Mythologien Afrikas sind von einigen Grundthemen bestimmt, die sich bei vielen anderen Völkern finden, in Afrika allerdings, was die Themenschwerpunkte angeht, regional unterschiedlich verteilt sind. Es sind dies vor allem:

Besonderheiten:

Jede ethnische Gruppe hat ihre eigene Religion. Dabei ist die Zugehörigkeit zu bestimmten Sprachfamilien wie Bantu, den nilotischen Sprachen oder Khoisan nicht entscheidend. Doch zeigen die Mythen schon aufgrund ihres hohen Alters noch am ehesten alte Verwandtschaftsbeziehungen der Ethnien an.

Hier überschneiden sich die Einflusszonen. Somali und Wüsten-Oromo im Nordosten Kenias etwa gehören noch zur nordafrikanisch nordöstlichen Hauptregion, der Rest der an die 220 Ethnien ist jedoch Teil der subsaharischen Kulturzone. Allerdings verschwanden mit dem Untergang der lokalen Reiche oft auch deren Mythen. Inhaltlich ähneln diese in ihrer Struktur stark denen der subsaharischen Ethnien. Unterschiede sind zwischen den Regionen Afrikas vor allem im Bereich der Gesellschaftsstruktur erheblich, im Mythenbereich jedoch bedeutungslos.

Alles beginnt mit der paradiesischen Schöpfung, die aber nach und nach dem gegenwärtigen Zustand weicht mit Hass, Armut, Krankheit, Tod.

In Westafrika gab es hochkomplexe Religionen mit voll ausgebildeten Götterpantheons, etwa bei den Yoruba und Aschanti oder im damaligen Reich Dahomey (heute Benin). Aus Dahomey, das drei Pantheons, ein irdisches, himmlisches und ein Donner-Pantheon kennt, jedes mit einer eigenen Priesterschaft, stammt auch der Begriff vodo für Gott, der später als Bezeichnung für den haitianischen Voodoo-Kult diente, der von westafrikanischen Sklaven dorthin gebracht wurde.

Die Mythen Nordafrikas sind vor allem die Mythen des Islam und damit des Koran sowie der Hadith genannten Traditionen, die wiederum die Mythen Mesopotamiens, des Judentums und Altarabiens transportieren (etwa die Sündenfall-, Sintflut-, Abraham- oder Mosesgeschichte oder die Geschichte Salomos und der Königin von Saba). Doch scheint es auch einige autochthone Reste zu geben, vor allem unter der berberischen und schwarzafrikanischen Bevölkerung. Man kann dabei grob drei Kategorien von Mythen unterscheiden, je nach ihrem Ursprung:

Viele dieser Mythen vor allem der ersten und zweiten Gruppe sind inzwischen in die Märchenwelt der nordafrikanischen Völker hinabgesunken, wie das häufig mit Mythen geschieht, denen der religiöse Zusammenhang verlorengegangen ist. Vor allem die berberischen Tuareg haben allerdings ihren Mythenschatz, etwa die Geschichte von der Prinzessin Tin Hinan, der Urmutter der Tuareg, weitgehend bewahrt (ihr Grabmal befindet sich in Abelessa).[76] Ähnlich verhält es sich mit den Mythen über die riesenhaften Ureinwohner der Sahara, die von den Tuareg so genannten Isebeten – sie kennen sogar das Grab ihres Königs Akkar –, wie sie in manchen saharischen Felsmalereien dargestellt sind, etwa im Ennedi die „Vier Grazien von Erdebe“.[77] Die Kanuri kennen dieselben Geschichten. Um das immer noch rätselhafte Volk der Garamanten, die mit der ersten Invasion der Araber im 7. Jahrhundert spurlos verschwanden, ranken sich weitere Sagen, ebenso wie um die verschwundene Oase Zarzura und das geheimnisvolle Volk der Saharaschmiede, wobei die Grenzen zwischen eher religiös oder stammesgeschichtlich/genealogischem Mythos und Sage bzw. Märchen oft stark verschwimmen.

Ethnolinguistische Gruppen in Afrika, Stand 1996
Grobverteilung der afrikanischen Religionen
Kruzifix aus dem Kongobereich, 17. Jahrhundert, Kupferlegierung. Ein typisches Synkretismusphänomen, denn das von Missionaren im 15. Jahrhundert als Ergänzung zu den Stäben und Zeptern der dortigen Häuptlinge eingeführte Symbol wurde später „afrikanisiert“ und blieb auch nach dem Verschwinden der Missionare im 18. Jahrhundert erhalten, denn das Kreuz war in der Kosmologie der Kongovölker Zeichen des Zusammentreffens der diesseitigen mit der Geisterwelt.
Tanzender San, Camp Jao, Botswana
Ein Europäer, evtl. Kazimierz Nowak (1897–1937), im Gespräch mit einem Pygmäen-Medizinmann
Medizinmann der Shona in Simbabwe
Männliche Ahnen-Wächterfigur der Hemba des Südkongo
Die Sprachgruppen des mittleren und südlichen Afrika, vor allem die Niger-Kongo-Sprachen der Bantu-Gruppe.
Nkisi Nkonde. Kongo, Zentralafrika. Hölzerne Fetischfigur, in die Nägel und Klingen eingestochen wurden, um bestimmte magische Wirkungen zu erzielen. Vermutlich zurückgehend auf die durch christliche Missionare eingeführten Bilder des Heiligen Sebastian
Vorkoloniale Königreiche in Afrika
Dogon-Maskenträger
Topographische Karte der westlichen und zentralen Sahara
Die Sahalzone (orange). Es ist der Bereich zwischen 200 mm (Norden) and 600 mm (Süden) der mittleren jährlichen Niederschlagsmenge
Berber-Amulett: Hand der Fatima (Chamsa) aus Marokko
Zwillingsmaske der Baule, Elfenbeinküste
Ein Binu-Heiligtum der Dogon. Es repräsentierte die Binu, mythische Ahnen ohne Tod. Die weißen Spuren an der Außenseite sind Reste von Hirsebrei, die dem Schöpfergott Amma als Libationsopfer dargebracht wurden.
Hölzerne Darstellung des Gottes Shango mit seinem Symbol der Doppelaxt